Warnemünde

Die schwere Ostsee-Sturmflut mit Spitzenwasserständen von 1,80 Meter über Normal hat an den Küsten von Mecklenburg-Vorpommern gezehrt und teilweise sehr große Schäden verursacht. Besonders betroffen sind einer ersten Einschätzung zufolge vor allem die Inseln Usedom und Rügen mit Steilküstenabbrüchen und Dünenabtragungen, während die Ostseestädte trotz hoher Wasserstände offenbar glimpflich davon gekommen sind. Umweltminister Till Backhaus (SPD) wollte sich am Nachmittag auf Usedom ein Bild von der Lage machen.

Noch kann der Umfang der Schäden nicht umfassend abgeschätzt werden. Mit einem Flugzeug soll deshalb am Freitag die gesamte Küste von Usedom bis zur Grenze nach Schleswig-Holstein abgeflogen und per Laserscan der Küstenverlauf dokumentiert werden. Das Abfliegen der Küste soll einen Vergleich mit früheren Messungen ermöglichen, um Dünenrückgänge, Steiluferabbrüche und Strandabspülungen durch die Sturmflut zu beurteilen, erläuterte eine Ministeriumssprecherin. Die Messungen würden zeigen, wo akuter Handlungsbedarf bestehe und zeitnah Aufspülungen durchgeführt werden müssten.

Am Strand von Binz und Prora auf Rügen sei die Düne streckenweise in einer Tiefe von drei bis acht Metern abgebrochen, Strandaufgänge seien im größeren Umfang zerstört worden, sagte der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider am Donnerstag nach einer ersten Schadensbesichtigung. Baumstämme und Treibgut – möglicherweise aus Schweden – seien am Strand angespült worden. Der Binzer Bürgermeister Schneider schätzte den Schaden allein in seinem Abschnitt auf etwa eine halbe Million Euro. Die Schäden seien mit eigener Technik nicht bis zum Saisonbeginn zu beseitigen. Er appellierte an das Land, den betroffenen Kommunen zu helfen. „Die Schäden sind extrem.“

Seebrücke in Zinnowitz (Foto: unser Hörer Hausmeister Schumacher)

Da in Stralsund die Hafeninsel teilweise überflutet wurde, wurde das Ozeaneum – Mecklenburg-Vorpommerns besucherstärkstes Museum – mit Spundwänden gesichert. In Kiel wurde die Uferstraße an der Förde zwischen dem Institut für Weltwirtschaft und dem Marinehafen überschwemmt.

Auf Usedom hat die Sturmflut vor allem zwischen Zempin und Koserow größeren Steilküstenabbrüche und Dünenabtragungen verursacht. „Wir haben vier bis 5 Meter Düne verloren“, sagte der Koserower Bürgermeister René König. Auch an der Seebrücke in Koserow habe es enorme Schäden gegeben. Nach Angaben des Kreises Vorpommern-Greifswald ist dort ein Stück der Promenade auf dem Steilufer zerstört. Auch eine Imbissbude wurde zerstört. Strandabgänge müssten gesperrt werden. Schäden gab es auch an der Seebrücke Ahlbeck und Zinnowitz (Foto). Dennoch seien die Kaiserbäder im Vergleich zu Zempin glimpflich davon gekommen.

Wismar

In Wismar wurden mit einem Pegelstand von 1,83 Meter über Normal die höchsten Wasserstände während der Sturmflut gemessen. Dennoch hat das Hochwasser in der Hansestadt nach Einschätzung von Hafenkapitän Harald Forst nur geringe Schäden verursacht. Zahlreiche Straßen in Hafennähe standen unter Wasser, an manchen Stellen bis zu einem halben Meter. Sie waren aber vorsorglich gesperrt worden. Vereinzelt seien Autos vollgelaufen, deren Besitzer sie nicht aus der Gefahrenzone gebracht hatten. In einigen Häusern sei Wasser in die Keller eingedrungen.

Die Insel Poel vor Wismar ist bei der Sturmflut glimpflich davongekommen. Das Wasser stieg am Mittwochabend schnell
bis 1,70 Meter über Normal, wie Bürgermeisterin Gabriele Richter am Donnerstag sagte. Nennenswerte Schäden habe es aber nicht gegeben. Auch der rund eine Kilometer lange Verbindungsdamm zum Festland sei nicht überspült worden.

Allerdings sei am Strand von Schwarzer Busch und Timmendorf an der Nordwestküste der Insel viel Sand abgetragen worden. „Dort ist zum Teil nur noch der steinige Untergrund da“, sagte Richter. Dafür sei an der Nordmole, wo es sonst häufig Abtragungen gebe, Sand angeschwemmt worden. Nun soll abgewartet werden, ob von selbst wieder Sand an den betroffenen Stränden angespült wird oder ob nachgeholfen werden muss.

Auch der Ferienort Graal-Müritz meldete keine nennenswerten Schäden. Die Dünen hätten ihre Schutzfunktion erfüllt, sagte Bürgermeister Frank Giese. Es habe allerdings Abtragungen mit Abbruchkanten bis vier Meter Höhe gegeben. Mehrere Strandaufgänge müssten neu angelegt werden. An der Seebrücke seien einige Planken weggerissen worden.

Rostock

Die Hansestadt Rostock hat nach einer ersten Einschätzung der Behörden keine größeren Schäden durch die Sturmflut zu verzeichnen. Ein Keller-Restaurant in Warnemünde, das direkt am Strom liegt, sei aber voll Wasser gelaufen, sagte ein Stadtsprecher. In einem Restaurant in der Altstadt sei Wasser in den Keller eingedrungen. Ansonsten habe die Feuerwehr relativ wenig Einsätze gehabt. Personenschäden seien nicht bekannt. Der Hochwasserschutzplan der Hansestadt habe sich bewährt. Schon am Tag vor der Sturmflut seien mehrere tausend Sandsäcke befüllt worden. Straßen in Hafennähe waren gesperrt und die Fluttore in Hohe Düne geschlossen worden.

Im Ostseebad Zingst richtete die Sturmflut keine Schäden an. Das Wasser habe bis zum Fuß der Düne gestanden, sagte  Bürgermeister Andreas Kuhn. „Dafür ist die Düne da.“

Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) ist die Sturmflut von den Wasserständen vergleichbar mit der vom 1. November 2006. So wurden in Wismar Wasserstände von 1,83 Meter über Normal (2006: 1,82 Meter), in Warnemünde von 1,60 Meter über Normal (2006: 1,62 Meter) und Koserow 1,55 Meter über Normal (2006: 1,54 Meter) gemessen. Allerdings habe sich bei der aktuellen Sturmflut nach dem Erreichen der Maximalpegel in der Nacht zum Donnerstag das Wasser im Vergleich zu früheren Sturmfluten  nur langsam zurückgezogen, sagte BSH-Mitarbeiterin Ines Perlet. Noch am Donnerstagmittag wurden vielerorts Wasserstände von etwa einem Meter über Normal gemessen.

Tief „Axel“ sollte von Skandinavien in der Nacht quer über die Ostsee weiter nach Weißrussland ziehen. Vor allem im Osten und Süden Deutschlands kann es laut DWD aber auch am Donnerstag tagsüber noch bei kräftigen Schnee- und Graupelschauern zu Wintergewittern kommen. An den Nordrändern der Mittelgebirge sowie an den Alpen könne es lang anhaltende Schneefälle geben. Im Bergland könnten die Temperaturen über frisch gefallenem Schnee sogar auf minus 20 Grad sinken. Am Freitag sei in ganz Deutschland tagsüber „gemäßigter Frost“ bis minus sieben Grad zu erwarten.

Parallel zur Sturmflut haben Neuschnee und Frost in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns für eine Reihe von Unfällen und eine stundenlange Sperrung der A11 Berlin-Stettin gesorgt. Bei den insgesamt knapp 40 Kollisionen blieb es weitgehend bei Blechschäden, wie Polizeisprecher am Donnerstag in Rostock, Ludwigslust und Neubrandenburg erklärten. Fünf Menschen wurden verletzt.

Schwerpunkte waren die A11, die nach vier Unfällen bei Penkun (Kreis Vorpommern-Greifswald) am Mittwochabend fast fünf Stunden gesperrt wurde, und die A24 Berlin-Hamburg um Ludwigslust. Zwischen Gudow und Parchim musste die Polizei sechs Unfälle mit acht Autos aufnehmen.

Auf einer Landstraße bei Parchim wurde ein 24-jähriger Autofahrer schwer verletzt, als sein Wagen von der Straße rutschte, sich überschlug und auf dem Dach im Graben liegenblieb. Eine 32-jährige Autofahrerin rutschte bei Waldeshöhe in Vorpommern mit ihrem Wagen gegen einen Baum. Die Frau wurde schwer, zwei weitere Insassen leicht verletzt. In Ueckermünde wurde ebenfalls ein Autofahrer am Morgen bei einem Glätte-Unfall verletzt.

Weitere glättebedingte Unfälle meldete die Polizei am Morgen aus Neustrelitz und Pasewalk sowie in den Landkreisen Nordwestmecklenburg und Rostock im Westen des Landes. Dort hatte es leichten Schneefall gegeben. Der Gesamtschaden der Unfälle wurde auf rund 100 000 Euro geschätzt. Nach Angaben der Polizei rollte der Verkehr am Donnerstagmorgen aber wieder weitgehend reibungslos.

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A K T U E L L E   P E G E L S T Ä N D E

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie liefert die aktuellen Pegelstände: …hier.

 

S T U R M F L U T E N   A N   D E R   O S T S E E

1303 bis 1309 – Sturmflutserie im vorpommerschen Raum, die vor allem Hiddensee und Rügen betrifft.

1497 – Quellen berichten von einem heftigen Nordweststurm mit 5000 Toten an der mecklenburgischen Küste.

1625 – Sturmflut an der südlichen Ostseeküste, die rund 3100 Menschen das Leben kostet. Allein in Warnemünde werden mehr als 150 Häuser stark beschädigt.

1872 – Bisher schwerste dokumentierte Sturmflut. 273 Menschen sterben an der südwestlichen Ostseeküste. Die Wasserstände von bis zu 2,80 Metern über Normal bilden den Maßstab für Aufbau und Unterhaltung des Hochwasserschutzsystems in Mecklenburg-Vorpommern.

1904, 1913 sowie 1954 – Sturmfluten mit Wasserständen von zwei Metern über dem Normalpegelstand, die verheerende Schäden in Wismar, Sassnitz, Stralsund und Greifswald hinterlassen.

3. November 1995 – Schwerste Sturmflut seit 40 Jahren. Dünenanlagen werden zerstört, in Wismar die Hafenanlagen beschädigt, in Rostock und Stralsund waren Straßen unpassierbar. Die Schäden betragen mindestens 15 Millionen Mark.

21. Februar 2002 – Verwüstungen von der Nordseeinsel Borkum bis Greifswald, ausgelöst vom mehr als 150 Stundenkilometer schnellen Orkan „Anna“. In Wismar, Rostock, Stralsund und anderen Städten steigen die Pegel auf fast zwei Meter über Normal. Besonders die Küstenschutzanlagen werden in Mitleidenschaft gezogen. Viele Straßen und Keller stehen unter Wasser.

1. November 2006 – Ein kräftiger Sturm mit Orkanspitzen fegt über die Ostsee und verursacht eine schwere Sturmflut mit Wasserständen von mehr als 1,7 Meter an der südlichen Ostseeküste. Auf der Halbinsel Fischland-Darß und auf der Insel Usedom zerstören die anrollenden Wassermassen in größerem Umfang Dünen. Die Ämter beziffern den Schaden auf mehrere Millionen Euro. Wie bereits 2002 werden Seebrücken auf Usedom und Rügen beschädigt.

 

R E P O R T A G E   A U S   W A R N E M Ü N D E

Unser Reporter Alex Stuth war für euch am Mittwochmittag vor der Sturmflut in Warnemünde und hat die Eindrücke für euch festgehalten.