07. Oktober 2026 – dpa
Im jahrelangen Streit über eine Modernisierung auf der wichtigen Nord-Süd-Achse gibt es eine Entscheidung: Eine neue Strecke soll gebaut werden.
Für die wichtige Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg ist nach langem Ringen der Weg im Bundestag frei für eine Neubautrasse. Der Verkehrsausschuss bestätigte das Ergebnis der sogenannten Vorplanung der Bahn, die eine neue Strecke vorsieht – allerdings werden zugleich wesentliche und schnelle Verbesserungen an der bestehenden Strecke gefordert.
Der Antrag wurde mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken beschlossen. Am späten Donnerstagabend soll sich der gesamte Bundestag mit dem Projekt befassen. Die Zustimmung dort gilt als Formsache, wie es in der Koalition hieß.
Die Bahnstrecke Hannover-Hamburg ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen in Deutschland. Die bestehende Strecke ist stark belastet. Vor Ort gibt es allerdings Proteste gegen einen Neubau. Seit Jahrzehnten wird über die Bahnstrecke zwischen Hamburg und Hannover gestritten.
«Wir beenden den jahrelangen Stillstand bei Hamburg-Hannover und bringen Neubau und Verbesserungen auf der Bestandsstrecke endlich zusammen», sagte Isabel Cademartori, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. «Der Neubau schafft dringend benötigte Kapazitäten für Personen- und Güterverkehr, zugleich investieren wir rund 250 Millionen Euro zusätzlich in die bestehende Strecke bis spätestens 2034.»
Dazu gehörten mehr Lärmschutz, betriebliche Verbesserungen und die Chance auf neue Regionalhalte entlang der Neubaustrecke. Cademartori sprach von einem verantwortungsvollen Kompromiss. Der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß sagte: «Die Neubaustrecke ist ein zentraler Baustein, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen und die bestehenden Engpässe zwischen Hamburg und Hannover dauerhaft aufzulösen.»
Vor zwei Wochen hatte die schwarz-rote Koalition im Bund eine Entscheidung über die Neubaustrecke im Verkehrsausschuss noch verschoben. Hinter den Kulissen hieß es, vor allem niedersächsische CDU-Bundestagsabgeordnete hätten Bedenken gehabt. Auch SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil, dessen Wahlkreis in der Lüneburger Heide vom Neubau betroffen wäre, hat sich über Jahre gegen das Projekt ausgesprochen.
Vorgesehen ist bereits, dass die bestehende Strecke zwischen Hannover und Hamburg saniert wird. Diese «Korridorsanierung» ist bisher für das Jahr 2029 geplant. Das Konzept sieht vor: Eine hochbelastete Strecke wird über Monate dicht gemacht und umfassend saniert, statt im laufenden Betrieb. Allerdings wird das Konzept der «Korridorsanierung», das viele hoch belastete Strecken umfasst und sich bis in die 30er Jahre ziehen soll, derzeit vom Bundesverkehrsministerium und der Bahn überprüft.
Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) zeigte sich unzufrieden, weil es auch bei der Wiedereröffnung bereits sanierter Strecken teils viele Störungen gab. Es zeichnet sich ab, dass künftig weniger Strecken im Jahr als bisher geplant saniert werden.
In einem Bericht des Bundesverkehrsministeriums an den Ausschuss über das Ergebnis der sogenannten Vorplanung heißt es, eine Neubaustrecke diene der Auflösung eines zentralen Engpasses im deutschen Schienennetz.
Die bestehende Verbindung zählt zu den am stärksten belasteten Bahnstrecken Deutschlands. Nach DB-Angaben liegt die Auslastung auf dem Korridor bei bis zu 147 Prozent, die Trasse ist also überbelegt. Sie ist für den Fernverkehr zwischen Nord- und Süddeutschland wichtig, für Pendler in Niedersachsen und Hamburg – und besonders für den Güterverkehr.
Über die Strecke wird der Hamburger Hafen mit Süddeutschland und dem europäischen Ausland verbunden. Nach DB-Angaben fährt jeder vierte Güterwagen in Deutschland ab oder nach Hamburg.
Die Bahn setzt neben einer Generalsanierung der bestehenden Strecke auch auf einen Neubau. Auf der Karte betrachtet macht die Bestandsstrecke – die über Lüneburg, Uelzen und Celle führt – einen Knick nach Osten. Die geplante zweigleisige Neubaustrecke soll direkter und eher senkrecht verlaufen – teils entlang der A7. Diese von der Bahn favorisierte ICE-Trasse soll über Soltau und Bergen führen, für bis zu 250 km/h ausgelegt sein und den Fern- und Güterverkehr von der bestehenden Strecke abziehen. Unter anderem soll die Fahrtzeit zwischen Hamburg und Hannover um 18 Minuten verringert werden.
Niedersachsens Landesregierung ist uneins bei der Frage, wie die Strecke modernisiert werden soll. Die SPD-Seite um Ministerpräsident Olaf Lies pocht seit Jahren auf einen Ausbau statt Neubau – er selbst hatte als Verkehrsminister vor Jahren ein Dialogforum auf den Weg gebracht, das sich letztlich für die Ausbauvariante «Alpha-E» aussprach. Die Bahn plane dagegen etwas, «was 30 Jahre überhaupt nicht die Chance hat, zu wirken, wenn es denn überhaupt Chance auf Umsetzung hat», sagte Lies in diesem Sommer. Die Grünen als Koalitionspartner halten unterdessen einen Neubau für «richtig und überfällig», wie die Fraktion Mitte September mitteilte.
Auch die oppositionelle CDU-Fraktion «steht klar zu Alpha-E», wie Fraktionschef Sebastian Lechner im September sagte. Diese Variante genieße die größte Akzeptanz und sei am schnellsten zu realisieren.
Nach der Bestätigung des Vorhabens durch den Bundestag folgen die weiteren sogenannten Leistungsphasen. Dabei geht es um die sogenannte Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Es kann noch viele Jahre dauern, bis es eine Baugenehmigung gibt und dann die Bagger rollen.
Aus dem Bericht der Vorplanung ergibt sich folgender Fahrplan: Im Jahr 2034 sollen die Planfeststellungsunterlagen eingereicht werden, im Jahr 2036 soll der Baubeginn erfolgen – die Strecke soll dann im Jahr 2050 fertig sein.
Gesichert werden muss dann noch die Finanzierung. Laut Bericht zur Vorplanung rechnet die Bahn mit Kosten von mindestens rund neun Milliarden Euro. Werden Forderungen aus der Region erfüllt, kann das Projekt noch deutlich teurer werden.
Generell gilt: Die verschiedenen Leistungsphasen der Planung müssen finanziert werden. Der «große Brocken» fällt dann erst bei Baubeginn an.