29. September 2026 – dpa

Sechs Tote

Schüsse in Stade - Drei Monate Fassungslosigkeit und Fragen

Schüsse fallen in einer Jugendeinrichtung, sechs Menschen sterben. Wie konnte das passieren? Drei Monate später finden Ermittler erste Antworten - und stehen weiter vor vielen Fragen.

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Vor drei Monaten tötete ein Mann sechs Menschen in einer Jugendeinrichtung. (Archivfoto), Foto: Jörn Hüneke/dpa

Drei Monate nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendeinrichtung in Stade herrscht Fassungslosigkeit: Warum verloren sechs Menschen am 29. Juni ihr Leben? Der mutmaßliche Schütze starb wenig später in Untersuchungshaft. Für die Angehörigen bleiben deshalb nicht nur Trauer, sondern auch viele Fragen. Was inzwischen geklärt ist - und was nicht:

An dem Tag ist der Angreifer zu einem Gespräch in die Mutter-Kind-Einrichtung westlich von Hamburg eingeladen - und nimmt eine Waffe mit. Es fallen mehrere Schüsse. Fünf Menschen sterben am Tatort, ein sechstes Opfer später im Krankenhaus.

Nach der Tat steigt der Mann als Beifahrer in ein Auto und ergreift die Flucht. Die Polizei verfolgt den Wagen und feuert Schüsse ab. Sie nehmen den Schützen und die Fahrerin fest.

Vier Frauen und zwei Männer kamen durch die Schüsse ums Leben. Drei Opfer arbeiteten in der Einrichtung. Bei den anderen handelte es sich um Beschäftigte des Jugendamts der Region Hannover, die nur für das Gespräch nach Stade gefahren waren.

Ein Schicksal bewegt viele besonders: Eine 32-jährige Mitarbeiterin des Jugendamts hinterlässt zwei Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Sie hatten wenige Wochen zuvor erst ihren Vater verloren. Zahlreiche Menschen beteiligten sich an einer Spendenaktion für die Waisen, mehr als 816.000 Euro kamen bislang zusammen.

Die Ermittler gehen von einem Streit um das Sorgerecht für die Tochter aus. Das war und ist jedoch eine Hypothese, kein gerichtlich festgestelltes Motiv. Die Staatsanwaltschaft Stade verweist auf die Ermittlungen und gibt nach wie vor keine Einzelheiten zu möglichen Beweggründen, Planungen oder Einlassungen preis.

Den Eltern war das Sorgerecht entzogen worden, weil ihr drei Monate altes Baby eine Hirnblutung hatte. Ärzte vermuten ein Schütteltrauma. Ein Gericht entschied daraufhin, dass die Mutter mit ihrem Kind in der Stader Einrichtung leben soll. Beide Eltern gingen juristisch dagegen vor.

Die Staatsanwaltschaft Hannover beauftragte inzwischen einen Gutachter, um mehr zur Ursache der Hirnblutung herauszufinden. Das Ergebnis könnte Mitte Oktober vorliegen. Sollte es Hinweise auf eine Misshandlung geben, droht der Mutter eine Anklage oder ein Haftbefehl. Das Kind lebt seit der Tat getrennt von der Mutter.

Der 45-Jährige kam nach seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Drei Wochen später fand ihn ein Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Bremervörde tot in seiner Zelle. Die Ermittler kamen zu dem Schluss, dass er sich selbst das Leben genommen hat. Eine Obduktion bestätigt das, dennoch dauern laut Staatsanwaltschaft «langwierigere Untersuchungen an, um eine weitere Todesursache unter jeden Gesichtspunkt vollständig ausschließen zu können.»

Vor seinem Tod stand der Mann unter besonderer Beobachtung. Die Sicherungsmaßnahmen wurden schrittweise gelockert und einen Tag vor seinem Tod aufgehoben. Angehörige fordern, mögliche Versäumnisse aufzuarbeiten. Das Justizministerium erklärte im September, dass es keine Hinweise für Fehler gebe.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den 45-Jährigen wegen sechsfachen Mordes ein. Gegen Tote kann in Deutschland kein Verfahren geführt werden. Den Angehörigen fehlt damit die Möglichkeit, dem mutmaßlichen Schützen vor Gericht gegenüberzutreten. Die unbeantwortete Frage nach dem Warum sei eine zusätzliche Belastung, sagte ein Anwalt einer hinterbliebenen Familie.

Die Staatsanwaltschaft prüft, welche Rolle die Partnerin des Schützen und Mutter des gemeinsamen Kindes spielte. War sie eingeweiht, vielleicht sogar direkt an den Planungen beteiligt? Unklar ist auch, was die Fahrerin des Fluchtwagens von der Tat wusste.

Die Ermittler äußern sich nicht dazu. Das Verfahren gegen die beiden Frauen sei noch nicht abgeschlossen. «Zur Frage, wann und wie dies der Fall sein wird, kann ich keine belastbare Antwort geben», teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mit. Das sei bei solchen Ermittlungen schwer zu prognostizieren.

Eine andere Spur führt nach Berlin, dort nahmen Spezialkräfte einen 49-Jährigen fest. Er steht unter Verdacht, dem Schützen die Tatwaffe verkauft zu haben. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft.

«Die Gewalttat vom 29. Juni war ein schwerwiegendes, erschütterndes Ereignis für die Mitarbeitenden, das noch lange nachhallen wird», sagte Sonja Wendt von der Region Hannover. «Viele von ihnen sind verunsichert und haben ein klares Bedürfnis nach Sicherheit.»

Nun sollen Konsequenzen folgen und Mitarbeitende besser geschützt werden, kündigte die Region Hannover an. So gab es etwa Begehungen mit der Polizei mit dem Ergebnis, dass Eingänge zum Jugendamt gerade mit Video-Gegensprechanlagen ausgestattet werden. Schwierige Gespräche werden inzwischen in einem Raum in der Nähe eines Sicherheitsdienstes geführt.

In einem sechsmonatigen Pilotprojekt sollen Notfalluhren beschafft werden, auch Alarmsysteme sind geplant. «Vorgesehen ist der Einsatz insbesondere in Bereichen, in denen Mitarbeitende im Außendienst tätig sind und potenziell gefährdenden Situationen ausgesetzt sein können», sagte Wendt. Im Einzelfall sollen Beschäftigte Schutzwesten überziehen. Doch klar ist auch: Der Kontakt mit den Menschen ist wichtig - und vollständige Sicherheit wird es nie geben.

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