10. August 2026 – dpa

Leichtathletik

Trotz quälender Ungewissheit: Ansah greift nach EM-Medaille

Der Druck für Owen Ansah ist bei der EM enorm. Kann der deutsche 100-Meter-Rekordler die drohende Sperre ausblenden? Dass er mental stark ist, hat er zuletzt schon bewiesen.

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Owen Ansah greift am Dienstagabend im 100-Meter-Halbfinale bei der EM ein. (Archivbild), Foto: Oliver Weiken/dpa

In dem Gewusel der vielen Leichtathletinnen und Leichtathleten fiel Owen Ansah nicht auf. Der Sprinter war einer von vielen des deutschen Teams, das in Birmingham das Alexander Stadium inspizierte und sich auf den EM-Beginn einstimmte. Bei den 100 Metern am Dienstagabend werden aber zumindest aus Deutschland die Augen auf den nationalen Rekordhalter gerichtet sein. Was das Abschneiden des Athleten vom Hamburger SV am Ende wert ist, kann angesichts der ihm drohenden Sperre niemand sagen.

Dank seines deutschen Rekords von 9,98 Sekunden ist Ansah in diesem Jahr die Nummer drei in Europa. Damit ist der 25-Jährige direkt für das Halbfinale (21.32 Uhr/ZDF und Eurosport) qualifiziert und kann sich den Vorlauf am Vormittag ersparen. Nur Tokio-Olympiasieger und Titelverteidiger Marcell Jacobs aus Italien (9,96) und der Brite Romell Glave (9,97) bringen bessere Vorleistungen mit. Auch über die 200 Meter kommt Ansah als Nummer drei zur EM und muss am Donnerstagabend erst im Halbfinale antreten.

Ob ihn beim Saisonhöhepunkt der Rucksack bremst, den er seit dem Nachmittag des 9. Juli mit sich herumträgt, weiß niemand - vielleicht nicht einmal Ansah selbst. Für vier Jahre möchte ihn die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) sperren, weil er die von einem Kontrolleur erbetene Dopingprobe nicht abgab - aus Gründen, die aus seiner Sicht und der seines Anwalts eine Ablehnung des Nada-Antrags rechtfertigen.

«Ich kann gut Sachen ausblenden. Also, ich versuche es», sagte Ansah einen Tag, bevor die Nada ihre Forderung veröffentlichte. Als das Verfahren bereits im Gange und bekannt war, stürmte Ansah in Bochum in 10,00 Sekunden beziehungsweise 20,13 Sekunden zu den deutschen Meistertiteln über 100 und 200 Meter. Nichts war davon zu spüren, dass seine Karriere auf dem Spiel stehen könnte. Beide Titel könnte Ansah nachträglich wieder verlieren.

Auch über seine Ziele in Birmingham sprach Ansah vor wenigen Tagen geradezu entspannt. «Absoluter Erfolg wäre natürlich, wenn ich in beiden Disziplinen persönliche Bestzeiten renne. Mit einer persönlichen Bestleistung glaube ich schon, dass ich vorne dann dabei bin.»

Sich selbst, seinen Trainer - den einstigen Weitsprung-Europameister Sebastian Bayer -, den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), seine Familie und seine Freunde möchte Ansah stolz machen. «Dann glaube ich, dass das für mich gut ist und für den Rest dann auch.»

Der DLV hat indes darauf verzichtet, Ansah in den Sprint-Staffeln der Männer und im Mixed aufzustellen. So besteht zumindest dort nicht das Risiko einer nachträglichen Disqualifikation, sollte Ansah noch gesperrt werden.

Ansah hatte angegeben, sich gerade auf den Weg zum Diamond-League-Meeting nach Monaco gemacht zu haben, als der Kontrolleur außerhalb des vom Sprinter angegebenen Zeitfensters bei ihm klingelte. Er habe kurz zuvor die Toilette besucht und so schnell keine Probe abgeben können. «Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingprobe durchzuführen», betonte er in einer Stellungnahme des HSV.

«Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Chancen nicht sehr hoch einschätze, dass er da wirklich gut dabei wegkommt», sagte Experte Fritz Sörgel der Deutschen Presse-Agentur. Sörgel betonte: «Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht, das halte ich für ausgeschlossen.» Eine Sperre von vier Jahren, die sich bei Zustimmung von Ansah automatisch auf drei Jahre reduziert hätte, sei indes relativ hart.

Und auch zwei Jahre Zwangspause würden dem einzigen Deutschen, der über 100 Meter unter zehn Sekunden blieb, extrem wehtun: Neben der WM 2027 in Peking würde Ansah auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles verpassen. Denn Ansah ist derzeit nicht suspendiert, und eine Sperre würde erst mit dem Tag einer finalen Entscheidung beginnen.

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