11. Oktober 2026 – dpa
An einem Herbstabend setzt sich ein Jugendlicher mit seiner Freundin an die Alster. Plötzlich kommt jemand von hinten und ersticht ihn. Zehn Jahre nach der Tat geht die Suche nach dem Täter weiter.
«Kleiner Junge, so zart und strahlend» - so besingt die französische Musikerin Véronique Elling ihren Sohn, der vor zehn Jahren an der Hamburger Alster ermordet wurde. Der gewaltsame Tod des 16-jährigen Victor hatte damals viele Hamburger bestürzt. Monatelang standen Kerzen und Blumen am Tatort unterhalb der Kennedybrücke. Wer ihn tötete und warum, ist bis heute ungeklärt.
Es handele sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren, erklärt die Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft, Mia Sperling-Karstens. Eine Einstufung als «Cold Case» sei bislang nicht erfolgt. Regelmäßig gingen weiterhin Hinweise bei der Polizei ein, die kontinuierlich überprüft würden. Einen Monat nach der Tat hatte die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 5.000 Euro ausgelobt. Die Auslobung sei weiterhin aktuell, sagt die Oberstaatsanwältin.
Am Abend des 16. Oktober 2016 hatte sich Victor mit einer Freundin ans Alsterufer gesetzt. Plötzlich trat von hinten ein Unbekannter heran und stach mehrmals auf den Schüler ein. Dann schubste er das 15 Jahre alte Mädchen ins Wasser und flüchtete. Ein Passant kam dem Opfer und seiner Begleiterin zu Hilfe und alarmierte die Feuerwehr. Der Jugendliche starb wenig später im Krankenhaus.
«Es gibt Wunden, die heilen nicht», sagte Elling kürzlich in einem «Welt»-Interview. Stunden vor dem Tod ihres Sohnes habe die Familie noch gemeinsam zu Hause musiziert und Pizza gegessen. Dann hätten Victor und seine Freundin ins Kino gehen wollen. Aber der Film, den sie sehen wollten, lief an jenem Abend nicht. Darum seien die beiden zur Kennedybrücke gegangen und hätten sich ans Ufer gesetzt.
Nach der Bluttat fahndete die Polizei öffentlich nach einem Mann mit südländischer Erscheinung Anfang 20. Anhand einer Zeugenaussage wurde ein Phantombild des mutmaßlichen Täters erstellt. Es werde weiterhin im Ermittlungsverfahren verwendet, erklärte Sperling-Karstens. Allerdings ist es auf dem Fahndungsaufruf nicht zu sehen. Aufgrund der Täterbeschreibungen gehen Staatsanwaltschaft und Mordkommission nach wie vor von einem zur Tatzeit jungen männlichen Täter aus.
Zwei Wochen nach dem Mord bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu der Tat. Die Ermittler halten das bis heute für unglaubwürdig. Das Bekennerschreiben sei in Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz des Landeskriminalamts Hamburg unter Einbindung eines Islamwissenschaftlers geprüft worden. «Im Ergebnis wird eine Tatbegehung mit religiös motiviertem Hintergrund als unwahrscheinlich angesehen», erklärt Oberstaatsanwältin Sperling-Karstens.
Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember 2016 hatte die Hamburger Polizei geprüft, ob der damals europaweit gesuchte Attentäter Anis Amri auch für den Mord an der Alster verantwortlich sein könnte. Das Landeskriminalamt wandte sich wegen einer möglichen Ähnlichkeit des Phantombilds des Hamburger Täters mit Amri an das Bundeskriminalamt, wie die Bundesregierung im Jahr 2019 erklärte. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst habe es aufgrund des Bekenntnisses des IS zu der Tat einen Informationsaustausch mit dem Landeskriminalamt gegeben, hieß es.
Die Mutter des Jungen postete am neunten Todestag vor einem Jahr: «Alles, was wir wissen, ist, dass der Mörder sich unbemerkt von hinten an die Kinder herangeschlichen hat und dass er sich mit einer Geste zum IS bekannte, bevor er die Flucht ergriff.» Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagt dazu: «Eine Geste, mit der sich der Täter zum IS bekannt haben soll, wurde von niemandem berichtet.»
Die Tatwaffe fand die Polizei bis heute nicht, trotz mehrfacher Absuche der Alster in der Nähe des Tatorts durch Polizeitaucher. Die Ermittler vermuteten, dass sich der Angreifer bei der Tat selbst verletzt hatte. Sie baten damals Tausende Hamburger Ärzte, Männer mit einer Handverletzung zu melden. Nach Angaben der Polizei leitete die Ärztekammer ein entsprechendes Schreiben per Mail an mehr als 11.000 ihrer Mitglieder weiter.
Am 4. Juli 2018 war der Mordfall Thema in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst». Die danach eingehenden Hinweise von Zuschauern brachten aber nicht den entscheidenden Hinweis.
Im Jahr 2019 gab die Staatsanwaltschaft eine forensisch-psychiatrische Stellungnahme bei einem Gutachter in Auftrag. Es sollte ein psychiatrisches Profilbild des Täters erstellt werden, das die Kriminalisten mit mehreren Tausend Spurenakten abgleichen wollten. Was dabei herausgekommen ist, möchte die Staatsanwaltschaft nicht preisgeben. «Nähere Auskünfte sind vor dem Hintergrund der andauernden Ermittlungen nicht möglich», sagt Sperling-Karstens.
Bald nach der Tat hatte die Polizei am Alsterufer eine Box für schriftliche Hinweise installiert, Handzettel verteilt und Plakate aufgehängt. Tausende Handys, die zur Tatzeit in die Funkzellen an der Alster eingeloggt waren, seien überprüft worden, sagt der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Jan Reinecke. Der Gewerkschafter kritisiert, dass die Ermittler weder Künstliche Intelligenz noch ein Programm zur Gesichtserkennung einsetzen dürfen. Das sei falsch verstandener Datenschutz. «Wir sind komplett taub und blind», beklagt Reinecke.