23. Oktober 2026 – dpa

Tag der Bibliotheken

«Dritter Ort» oder Werkzeugverleih: Bibliotheken im Wandel

Öffentliche Bibliotheken werden zu Treffpunkten und Veranstaltungsräumen und bieten viel mehr als Bücher. Die Funktionen werden vielfältiger, aber die Finanzlage ist angespannt.

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Die Rostocker Stadtbibliothek soll verstärkt zum Ort der Begegnung werden. (Archivbild)

Von Saatgut über Bohrmaschinen bis hin zu Karaoke-Anlagen - Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern längst mehr als Bücher. Doch teils geht es gar nicht mehr darum, wie und was ausgeliehen werden kann. Bibliotheken seien zunehmend auch Orte der Begegnung, erklärt Silvio Witt, Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern im Deutschen Bibliotheksverband. Manchmal sei die Bibliothek «der einzige nichtkommerzielle Treffpunkt in den Innenstädten», sagt er vor dem bundesweiten Tag der Bibliotheken am Samstag.

Die Häuser seien auch zunehmend Veranstaltungsräume. Die öffentlichen Bibliotheken im Land hätten im vergangenen Jahr 8.600 Veranstaltungen durchgeführt, etwa Lesungen.

Auch Rostock als größte Stadt des Landes beschäftigt sich mit diesem Wandel. «Die Stadtbibliothek Rostock wird sich verstärkt zu einem sogenannten Dritten Ort entwickeln», heißt es von dort. Das Konzept eines Dritten Ortes (vom englischen «Third Place») beschreibt demnach einen sozialen Raum außerhalb der eigenen Wohnung (erster Ort) und des Arbeitsplatzes oder der Schule (zweiter Ort).

«Die Bibliothek wird zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält - auch ohne ein konkretes Ausleihziel.» Der Wunsch danach wurde demnach während eines stadtweiten Beteiligungsprozesses mit Veranstaltungen und Gesprächen deutlich. Aber woher kommt dieser Bedarf?

«Es gibt nicht überall ausreichend frei zugängliche Orte, an denen Menschen ohne Konsumzwang zusammenkommen können», schreibt die Stadt. Die Bibliothek ermögliche Begegnungen zwischen unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Milieus und kulturellen Hintergründen. «Außerdem verfügt nicht jeder Mensch zu Hause über ausreichend Platz, Ruhe oder geeignete Arbeitsbedingungen.» Auch wer einfach Zeit außerhalb der eigenen Wohnung verbringen möchte, brauche zugängliche öffentliche Räume. «Bibliotheken bieten dafür häufig eine ruhige, sichere und kostenfreie Umgebung.»

Die Häuser bieten zudem längst mehr als Bücher. In Greifswald können Gartenfreunde etwa Saatgut verschiedener Gemüsesorten erhalten und eigenes abgeben. Das passende Informationsmaterial gibt es gleich dazu. Sogenannte Bibliotheken der Dinge gibt es etwa in Neubrandenburg, Güstrow und seit dieser Woche auch in Malchin. DVD-Player, Akkuschrauber, Lötkolben und vieles weitere ist dort verfügbar.

In Schwerin gibt es seit diesem Jahr die sogenannte Open Library. Registrierte Nutzerinnen und Nutzer können die Bibliothek auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten abends selbstständig betreten und nutzen, ohne dass Bibliothekspersonal anwesend ist. In Stralsund können Nutzerinnen und Nutzer zu Randzeiten, wenn nur Wachpersonal anwesend ist, selbstständig etwa Bücher ausleihen oder verlängern.

Das Konzept der Open Library stamme aus Skandinavien, erklärt Witt. Dort gebe es Bibliotheken, die rund um die Uhr zugänglich sein. Sie dienten nicht nur als Dritter Ort. Auch Verwaltungsdienstleistungen fänden teils dort statt, weil die Verwaltung weitgehend digitalisiert sei. In den Bibliotheken gebe es Terminals für Menschen ohne notwendige Endgeräte.

Rostock definiert verschiedene Funktionen, die die Stadtbibliothek verstärkt erfüllen soll: Sie soll lebenslanges Lernen ermöglichen, Bildung unabhängig von Herkunft und Einkommen fördern und Zugehörigkeit, Austausch und gesellschaftliche Teilhabe stärken. Jugendliche erleben demnach die Bibliothek als ihren Ort - «freiwillig, selbstbestimmt und ohne Leistungsdruck». Die Bibliothek werde zudem zum niedrigschwelligen Lern- und Experimentierraum für die digitale Gesellschaft. Der sogenannte Makerspace der Stadtbibliothek bietet Menschen bereits die Möglichkeit, mit moderner Technik zu experimentieren.

Die angespannte finanzielle Lage der öffentlichen Haushalte stellt die Träger öffentlicher Bibliotheken allerdings vor Herausforderungen. Anders als in anderen Bundesländern gibt es in Mecklenburg-Vorpommern laut Witt kein Bibliotheksgesetz. «Das heißt, Bibliotheken sind eine freiwillige Aufgabe.» Dadurch müssten die Kommunen und nicht das Land für die Finanzierung sorgen.

Aktuell gebe es 96 öffentliche Bibliotheken im Land. 2002 seien es noch 154 gewesen. Die letzten großen Schließungen habe es 2022 gegeben. Teils bestünden Bibliotheken zwar weiter, würden aber von Ehrenamtlichen übernommen. Dann könnten bestimmte Qualitätskriterien aber nicht mehr erfüllt werden.

«Wir nennen das immer die Spirale nach unten», sagte er mit Blick auf Einsparungen bei Bibliotheken. Wenn Gelder gestrichen werden, könnten teils keine neuen Medien angeschafft werden oder die Personalstelle werde gekürzt. Dadurch sinken die Attraktivität und auch die Nutzungszahlen. «Und irgendwann sagen sie, da kommt ja gar keiner mehr.»

Die Hälfte der öffentlichen Bibliotheken im Land seien Ein-Mann- oder Ein-Frau-Bibliotheken. Solange Bibliotheken hauptamtlich betrieben werden, seien kleinere Bibliotheken aber nicht automatisch schlechter als die größeren. Die örtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten mit viel Herzblut, organisierten etwa Veranstaltungen, ohne auf Überstunden zu schauen.

Bei aller Neuerungen glaubt Witt, auch die klassische Ausleihe von Büchern habe eine Zukunft. «Wir mögen etwas in der Hand zu haben, was haptisch ist.»

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