04. Juli 2026 – dpa
Das Wort Ostsee hatte in der DDR einen besonderen Klang. Es stand für unbeschwerte Stunden, Sonne, Strand, aber auch für Fernweh. Denn die Ostsee war für die meisten eine unüberwindbare Grenze.
Eine neue Folge der Filmreihe «Orte Ost» des DDR Museums in Berlin widmet sich der Ostsee als Ort der Erholung, der zugleich Teil der streng gesicherten DDR-Staatsgrenze war.
«Wenn man über Urlaub, über Freizeitgestaltung und Sehnsüchte redet, dann ist man, wenn man über die DDR spricht, natürlich automatisch an der Ostsee. Das ist immer ein großer Sehnsuchtsort gewesen», sagte der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk der Deutschen Presse-Agentur.
Kowalczuk (59) ist wissenschaftlicher Berater des DDR Museums und Protagonist der Filmreihe, deren neuste Folge vom 9. Juli an auf dem YouTube-Kanal des Museums zu sehen ist. Die Urlauber hätten damals winkend an den Molen den Fähren nachgeschaut, die von Warnemünde oder von Sassnitz aus gen Skandinavien fuhren.
«Die Menschen standen da und träumten davon, auch einmal mitfahren zu dürfen und mal etwas anderes von der Welt sehen zu können.» Aber die Grenzsituation sei eben Teil der Realität gewesen. «Egal, was man macht in einer Diktatur, die Diktatur schläft nie. So ist es natürlich auch im Urlaub», betonte der Historiker.
Die gesamte Ostseeküste der DDR sei Grenzgebiet und entsprechend gesichert gewesen. Da seien Patrouillen langgelaufen und -gefahren. Jeder, der zum Beispiel nachts im Grenzgebiet in die Ostsee gegangen sei, habe sich auch dem Risiko ausgesetzt, sich in der Stasi-Untersuchungshaft wiederzufinden.
Die Filmreihe «Orte Ost» läuft seit Januar dieses Jahres und befasst sich nach Angaben des Museums mit Schauplätzen, Themen und Ereignissen in Ostdeutschland, deren Geschichte bis heute nachwirke. Ein Ziel sei es, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden.
In der rund 25-minütigen Ostsee-Folge spielt auch das direkt am Strand gelegene «Hotel Neptun» in Warnemünde eine Rolle, das 1971 eröffnet wurde und gerade sein 55. Jubiläum feiert. Das Haus fasziniere mit seinem Charme bis heute. Zu DDR-Zeiten sei das prestigeträchtige Hotel nicht nur Empfangsort für viele westliche Gäste, hochrangige Politikerinnen und Politiker gewesen, sondern auch ein Stützpunkt des Ministeriums für Staatssicherheit.
«Also auch hier ein Sehnsuchtsort, ein toller Bau, eine tolle Location, mit vielen Annehmlichkeiten, und gleichzeitig war die blanke Diktatur anwesend in Form des Ministeriums für Staatssicherheit, 24 Stunden lang», so Kowalczuk, der 2025 den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erhielt.
Damit würdigte die Stiftung Kowalczuks langjähriges Engagement für eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit und seine aktive Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs.