31. Juli 2020 – dpa

«Mulmiges Gefühl»: Schulstart in Mecklenburg-Vorpommern

Von Mitte März an waren in Mecklenburg-Vorpommern die Schulen geschlossen. Für die meisten Schüler folgten Monate des Online-Unterrichts und des Nichtstuns, später gab es gelegentliche Schulbesuche. Das soll im Schuljahr 2020/21 anders werden.

Ein Schüler meldet sich während einer Unterrichtsstunde.
Ein Schüler meldet sich während einer Unterrichtsstunde. , Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Rostock (dpa/mv) - Als erstes Bundesland beginnt am Montag in Mecklenburg-Vorpommern unter Pandemie-Bedingungen das Schuljahr 2020/21. Ganz Deutschland wird aufmerksam beobachten, ob es gelingt, die Interessen der 150 000 Schüler und 13 000 Lehrkräfte so zu wahren, dass auch der Infektionsschutz gewährleistet ist. Das Bildungsministerium hat dafür einen neunseitigen Hygieneplan entwickelt. Nach dem Willen von Ministerin Bettina Martin (SPD) sind an den Grundschulen jedem Schüler mindestens vier Stunden Unterricht am Tag garantiert, an den weiterführenden Schulen mindestens fünf.

«Ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch», erklärt der Vorsitzende des Landesphilologenverbands, Jörg Seifert. Keiner wisse, ob wirklich das Richtige getan wird. Zu viele Dinge seien unsicher. So sei davon auszugehen, dass mehr als 400 Lehrer nicht unterrichten werden, weil sie einer Risikogruppe angehören. Wie das in den Lehrplänen umgesetzt wird, stehe nicht fest, sagt Seifert. Aber allen sei klar, dass endlich mit dem Präsenzunterricht wieder begonnen werden muss. «Nichts ist schlimmer als Distanz- oder gar kein Unterricht.»

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unterstützt den Anspruch der Landesregierung, so viel Normalität zu liefern, wie es nur geht. So begrüßte es Landeschef Maik Walm, dass sich Lehrer einem kostenlosen Abstrichtest unterziehen können. Schwierigkeiten sieht Walm aber für den Fall, dass Schüler eine leichte Krankheit wie Husten haben und in die Schule wollen. Dazu gebe es keine klaren Richtlinien, Entscheidungen müssten vor Ort getroffen werden. «Das ist zu unkonkret», kritisierte Walm. Konflikte seien programmiert.

In den mehr als 500 Schulen wurden Vorkehrungen getroffen, um die Vorgaben zu erfüllen und sichere Abläufe zu gewährleisten. Dabei gehen manche Schulen wie das Gymnasium Reutershagen in Rostock über die im Hygieneplan erlassenen Maßnahmen hinaus. Laut Plan besteht keine grundsätzliche Pflicht, in der Schule einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. «Bei uns gibt es die Maskenpflicht», betont dagegen Schulleiter Jan Bonin. In den Fluren könne der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht dauerhaft eingehalten werden.

Auch im Innerstädtischen Gymnasium in Rostock gilt die Maskenpflicht auf den Fluren. «Wenn ich mich in einem so großen sozialen Kontext bewege, dann ist es wichtig, die Maske zu tragen, um das System zu schützen», begründet Schulleiter Markus Riemer die Maßnahme. «Wir rechnen mit der Einsicht der Schüler und der Gruppendynamik.»

Der Philologenverband stört sich weiter an den starren Vorgaben zur Bildung von definierten Schülergruppen. So bilden die Jahrgangsstufen 1 bis 4 an Grundschulen eine Gruppe. Weitere Gruppen sind immer zwei Jahrgangsstufen wie 5 und 6 bis 11 und 12. Innerhalb dieser Gruppen dürfen sich die Schüler begegnen, andere Kontakte sind verboten. «Schule ist nicht gleich Schule, vom Baulichen und von den Menschen her.» Seifert hätte sich mehr Flexibilität gewünscht.

«Alles andere müssen wir ausprobieren.» So könne der Umgang mit Schülern problematisch sein, die einer Risikogruppe angehören. «Können sie von Lehrern unterrichtet werden, die auch der Schule fernbleiben müssen», fragt Seifert. Rund 3500 Lehrkräfte in MV zählen aufgrund von Alter und/oder Vorerkrankungen zur Corona-Risikogruppe.

«Wir starten mit Normalität», zeigt sich der Reutershäger Schulleiter Bonin zuversichtlich, dass seine Schule den mehr als 600 Schülern mit fast 100 Prozent Präsenzunterricht ein annähernd normales Schuljahr bieten wird. Er sei dankbar darum, dass auch die Lehrer in der Schule sein werden, obwohl sie zur Risikogruppe gehören. «Wir starten mit angezogener Handbremse und in Sorge - aber wir starten.» Wie in jeder anderen Schule sind nun zunächst die sogenannten Lernstandserhebungen angesetzt. Auf diesen Ergebnissen will später das Ministerium über den weiteren Verlauf des Schuljahres entscheiden.

Dann wird es darum gehen, ob Lehrinhalte aufgeholt werden. Seifert geht davon aus, dass das Aufholen von Stoff nicht funktionieren wird. «Wer das behauptet, darf künftig sagen: «Wir machen ein Vierteljahr die Schule zu und schaffen trotzdem alles».» Dem müsse in den Prüfungen der Abschlussklassen Rechnung getragen werden.

Bonin ist dagegen davon überzeugt, dass das Abitur 2021 dem der Vorjahre entsprechen wird. «Es werden keine Abstriche gemacht.» Die Schüler der 12. Klassen werden ihre Zeit zum Lernen und Aufarbeiten bekommen und gut durchs Abitur kommen.

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