21. Oktober 2026 – dpa

Künstliche Wasserstraße

Eine neue Herzkammer für den Nord-Ostsee-Kanal

Nach fast 20 Jahren Bauzeit ist die fünfte Schleusenkammer am Nord-Ostsee-Kanal fast fertig. Warum das Milliarden-Projekt gebaut wird.

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Ab 2027 sollen Schiffe wie dieses durch die neuen Schleusenkammer in Brunsbüttel fahren.

Noch steuern die Schiffe eine der anderen Schleusenkammern an. Doch die fünfte Kammer am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel ist seit dem Einsetzen des zweiten Schleusentores komplett, der Rohbau steht. Nach fast 20 Jahren nähert sich das Milliardenprojekt dem Ende. «Jetzt kommt die Innenausstattung», sagt Annemarie Brandt. Es ist das Projekt der Ingenieurin, seit sie 2007 in Brunsbüttel anfing. «Ich war damals eine von dreien, die für dieses Projekt eingestellt wurden, und ich bin immer noch da.»

Brandt ist mit dem Bau im Norden heimisch geworden, hat zwei Kinder bekommen. Die 46-Jährige Sachbereichsleiterin beim Wasserstraßen-Neubauamt Nord-Ostsee-Kanal. «Als ich damals anfing, hieß es, 2013 ist die Schleuse fertig», sagt sie. Es kam bekanntlich anders. «Wir gehen davon aus, dass wir die bauliche Fertigstellung im ersten Quartal nächsten Jahres erreichen, also dass wir zum März die Schleusenkammer fertigstellen können.»

In Hochzeiten waren rund 100 Beschäftigte externer Firmen auf der Großbaustelle. «Früher hatten wir ein großes Betonmischwerk, jetzt haben wir bloß noch ein kleines», sagt Brandt und lässt ihren Blick von einer Arbeitsbrücke über die bereits mit Wasser gefüllte Schleusekammer schweifen. Aktuell laufen noch Asphaltierungsarbeiten. Kabel werden gelegt, Elektriker sind am mehreren Stellen im Einsatz.

Die neue Schleusenkammer dient als eine Art Bypass. «Wir bauen ja eigentlich die fünfte Schleusenkammer hier nur, damit wir die Grundinstandsetzung der großen Schleusen ermöglichen können, ohne dass wir für die Schifffahrt ein Hindernis sind», sagt Brandt. Denn die Schleusen in Kiel und am anderen Kanal-Ende in Kiel stammen noch aus der Kaiserzeit. Die große Schleusenanlage in Brunsbüttel ist seit 1914 in Betrieb.

Der Bund investiert seit Jahren in die künstliche Wasserstraße, um sie zu einer verlässlichen Alternative zum Umweg über Skagen zu machen. Knapp 1,3 Milliarden Euro kostet allein die fünfte Schleusenkammer. Am 17. April 2012 hatte der damalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) den ersten Spatenstich gesetzt.

Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen nennt die baldige Inbetriebnahme einen Meilenstein für die Perspektiven des Kanals. «Denn der hat in den vergangenen Jahren ganz offensichtlich an Attraktivität eingebüßt, denn trotz Rekord-Treibstoffpreisen wählen viele Reeder die deutlich längere Route um Skagen», sagt der CDU-Politiker. Die Gründe seien vielfältig. «Aber mit Sicherheit werden die Reduzierung der Geschwindigkeitsbegrenzung von früher Tempo 15 auf 12 Kilometer pro Stunde, die vielen Baustellen, die technischen und personellen Schwierigkeiten und die damit einhergehenden längeren Passagezeiten und die geringere Planbarkeit dazu beigetragen haben.»

Der Vorsitzende der Initiative Kiel-Canal, Jens Broder Knudsen, zeigt sich trotz neuer Schleuse nicht besonders optimistisch: «Ich habe große Zweifel, ob die fünfte Schleusenkammer überhaupt durchgehend in Betrieb gehen wird.» Grund sei die Personalsituation. Bereits früher seien Schleusenanlagen in Kiel und Brunsbüttel wegen Personalmangels ausgefallen. Während dies 2025 noch in den Nächten der Fall war, habe es 2026 mehrere Tage am Stück personalbedingte Ausfälle gegeben. Das Festhalten der Bundesregierung am Stellenabbau werde das Problem in der Zukunft weiter verschärfen. «Leider finden unsere Argumente im Ministerium bislang nur wenig Gehör.»

Dabei machten viele Reeder mit ihren Schiffen bereits heute einen großen Bogen um den Kanal und fahren stattdessen um Dänemark herum, statt die Abkürzung durch Schleswig-Holstein zu nehmen, sagt Knudsen. «Und das trotz Bunkerpreisen auf Rekordniveau. Der Kanal wird gemieden und nur dann genommen, wenn es nicht anders geht. Er wird mittlerweile von vielen leider nicht mehr als planbare Alternative erachtet.» Ladung suche sich immer den besten und günstigsten Weg.

Knudsen ist auch geschäftsführender Gesellschafter von Sartori & Berger, einem Kanalmakler, der Dienstleistungen für die Schifffahrt übernimmt. «Das Gute ist: Unsere Probleme sind hausgemacht und können gelöst werden.» Er fordert mehr Stellen für den Nord-Ostsee-Kanal, die Befreiung von der sogenannten Schlepperannahmepflicht und eine Senkung der Lotskosten. «Die Politik muss verstehen, dass der Kanal eine Netzwerkfunktion hat für Deutschland.»

Minister Madsen fordert vom Bund, nach Fertigstellung der Schleuse nicht nachzulassen. «Der Ausbau der Oststrecke muss dringend fortgesetzt werden, die übrigen Schleusen in Brunsbüttel sind instand zu setzen, die Kleinen Schleusen in Kiel neu zu bauen, die Instandhaltung insgesamt, vor allem mit Blick auf die Böschungsunterspülungen, zu forcieren.» Vor allem aber brauche der Kanal qualifiziertes Personal. «Hier hat die Verkehrsministerkonferenz den Bund schon mehrfach aufgefordert, den strikten Personaleinsparkurs bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung endlich zu verlassen.»

In Brunsbüttel gehen die Arbeiten weiter. «Man sieht schon, dass es eine Schleuse ist, aber der Teufel steckt dann auch noch im Detail und drinnen ist trotzdem noch viel zu tun», sagt Projektleiterin Brandt. Drinnen ist in diesem Fall auch wortwörtlich zu verstehen, denn im Gegensatz zu den alten Schleusentoren der Kaiserzeit im sogenannten Fachwerkbau, kann man in die neuen Tore hineinsteigen. Sechs Meter unter der Wasseroberfläche sieht es so ähnlich aus wie unter Deck. «Es ist schon vergleichbar mit einem Schiff», sagt Maschinenbauer Björn Arndt. Im weitesten Sinne könne man von einer Maschine sprechen, «komplett vollgesteckt mit Technik».

Anders als früher erfolgt der Wasserausgleich zwischen Kanal und Elbe im Inneren der neuen, rund 2.350 Tonnen schweren Schleusentore durch Schächte statt wie bei den alten, 1.700 Tonnen schweren Toren über sogenannte Umlaufkanäle im Schleusenmauerwerk. Das geschieht wie früher auch über Wasserkraft. Pumpen kommen dabei nicht zum Einsatz. «Im Endeffekt nur in die Moderne adaptiert, alles abgeguckt», sagt Brandt.

Und wie fühlt es sich an, wenn ein so langes Bauprojekt fertig ist? «Das kann ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht richtig vorstellen», sagt Brandt. «Das wäre ja quasi das erste Mal, dass man seinen Arbeitsalltag wieder selber gestalten kann.» Nach 20 Jahren wisse sie gar nicht, wie sie damit umgehen solle. «Das wird dann das Projekt sein, wenn ich in meinem Schaukelstuhl sitze mit den Enkelkindern auf dem Schoß, dass ich dann sagen werde: Die Schleuse habe ich gebaut.»

Langeweile kommt dennoch nicht auf. Auf die Ingenieurin wartet mit der Instandsetzung der vier alten Kammer bereits die nächste Mammutaufgabe. «Deswegen geht alles Personal, was hier Stück für Stück frei wird, geht schon in die Planung für die Grundinstandsetzung, damit wir da möglichst starten können», sagt Brandt.

Vor dem Hintergrund gestiegener Energiepreise haben im August wieder etwas mehr Schiffe die künstliche Wasserstraße angesteuert. Den Kanal nutzten im August 2.064 Schiffe, knapp 250 mehr als im Vorjahresmonat. In den ersten acht Monaten fuhren insgesamt 15.099 Schiffe durch den Nord-Ostsee-Kanal, 138 mehr als im Vorjahreszeitraum. 2025 war die Zahl der Schiffspassagen um rund zehn Prozent auf 22.262 zurückgegangen. Die Schiffe transportierten 2025 rund 69,5 Millionen Tonnen Ladung, deutlich weniger als im Vorjahr.

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