01. November 2026 – dpa

Jugendproteste

Wasserwerfer, Böller und offene Fragen nach Hamburger Demo

Nach der weitgehend störungsfreien Jugenddemo in Hamburg kippt die Stimmung und die Gegend rund um den Hauptbahnhof wird zur Bühne für Krawallmacher. Die Opposition fordert Aufklärung.

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Die jungen Krawallmacher lieferten sich mit der Polizei nach dem Demo einen stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel im Hamburger Stadtteil St. Georg., Foto: Marcus Brandt/dpa

Rund 6.700 Demonstrierende, etwa 1.300 Einsatzkräfte und eine zunächst weitgehend störungsfreie Jugenddemo, die junge Krawallmacher im Anschluss mit Böllern und Feuer eskalieren lassen: Das ist die erste Bilanz der Hamburger Demonstration unter dem Motto «Gegen Wehrpflicht - Gen Z regelt!».

Rund um den Steindamm in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes, wo die Demo von der Polizei vorzeitig beendet wurde, lief die Situation schließlich aus dem Ruder. Es wurden Böller gezündet, Straßenabsperrungen aus den Verankerungen gerissen und angezündet, Einsatzkräfte mit Steinen, Flaschen und Pyrotechnik beworfen.

Dadurch wurden ein Kind und eine Polizistin verletzt. Unbekannte hatten auf der Straße eine Silvesterbatterie angezündet, die dann aufgrund der «unsachgemäßen Handhabung» umfiel, wie die Polizei mitteilte. Die Geschosse trafen das Kind und die Polizistin. Das Kind erlitt laut Polizei einen Schock, musste jedoch nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Wie schwer die Polizistin verletzt wurde, war zunächst unklar.

Die Polizei spricht am Abend von zwölf verletzten Beamtinnen und Beamten. Zur Schwere der Verletzungen konnte der Mitarbeiter des Lagezentrums der Polizei zunächst nichts sagen. Auch ein Beamter der Bundespolizei, die rund um den Hauptbahnhof die Sicherheit der Bahnreisenden im Blick hatte, war durch einen Böller verletzt worden, wie die Bundespolizei mitteilte.

Die Störer lieferten sich rund um den Steindamm und in den Seitenstraßen stundenlang ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Sie zogen durch den Stadtteil St. Georg, zerrten Bauzäune, Mülltonnen und Ähnliches auf die Straßen und versuchten, diese in Brand zu stecken.

Um die Situation wieder unter Kontrolle bringen zu können, setzte die Polizei auch Pfefferspray und Wasserwerfer ein. Zunächst wurden die Wasserwerfer lediglich genutzt, um die brennenden Barrikaden zu löschen. Nach wiederholten Böllerwürfen auf die Einsatzkräfte wurde der Wasserwerfer genutzt, um die Menge von teils mehreren hundert Menschen auseinanderzutreiben.

Dort, wo die Polizei präsent war oder die Krawallmacher einkesselte oder festhielt, waren meist auch viele Schaulustige anwesend. Sie buhten die Einsatzkräfte teils aus und beschimpften sie. Dabei ertönten auch Sprechchöre gegen die Polizei. Propalästinensische Parolen waren ebenfalls zu hören. Bis kurz vor Mitternacht hallten teils extrem laute Böller-Knallgeräusche durch die Straßen.

Rund 120 Menschen wurden am Abend vorläufig festgenommen, nachdem sie zuvor versucht hatten Baustellenmaterial, Unrat und Elektrokleinstfahrzeuge auf die Straße zu ziehen. Bei der Kontrolle der Störer hatten die Einsatzkräfte diverse Pyrotechnik gefunden. Wie viele Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden und wie viele Fest- oder Ingewahrsamnahmen es gab, war zunächst noch unklar. Die Bundespolizei erteilte am Abend zudem mehr als 40 Platzverweise. Der Bahnverkehr wurde den Angaben zufolge nicht gestört.

Der Polizei zufolge hatten sich die Störer unter die friedlich Demonstrierenden gemischt, um gezielt zu provozieren und Straftaten zu begehen. Zudem hätten junge Leute am Abend bewusst die Auseinandersetzung mit der Polizei gesucht. «Das Verhalten solcher Krawallmacher bestätigt, dass es genau richtig war, mit einem starken Kräfteaufgebot in den Einsatz zu gehen und konsequent einzuschreiten», sagte der Hamburger Polizeisprecher Sebastian Born. Der Einsatz von Drohnen habe geholfen, relevante Entwicklungen früh zu erkennen und die mutmaßlichen Störer kontrollieren zu können. Gegen sie werde jetzt strafrechtlich ermittelt.

Die Hamburger Opposition forderte am Sonntag eine konsequente Aufarbeitung der Ereignisse rund um den Steindamm. «Was wir gestern auf Hamburgs Straßen erlebt haben, ist erschreckend. Wer Barrikaden anzündet, Pflastersteine und Flaschen auf Polizisten wirft und dabei seinen Hass auf unseren Staat herausbrüllt, hat jedes Recht verwirkt, sich auf friedlichen Protest zu berufen. Das sind keine Demonstranten, das sind Gewalttäter», sagte CDU-Fraktionschef Dennis Thering laut Mitteilung.

Wichtig sei aber auch, dass die jungen Menschen, die friedlich für ihre Anliegen auf die Straße gegangen seien, nicht mit denjenigen gleichgesetzt würden, die diese Demonstration für linksextreme Gewalt missbraucht hätten. Der Senat müsse nun gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden genau aufarbeiten, welche Gruppen an den Ausschreitungen beteiligt gewesen seien. «Hamburg darf kein Pflaster für Extremisten sein, egal aus welcher Richtung sie kommen. (...) Für Gewalt und Extremismus darf es in unserer Stadt keinen Platz geben.»

Die AfD forderte ebenfalls eine umfassende Aufklärung im Innenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft. «Innensenator Grote muss dem Innenausschuss darlegen, welche Erkenntnisse vorab vorlagen und warum diese Gewalteskalation nicht verhindert werden konnte», sagte der AfD-Fraktionsvorsitzende Dirk Nockemann laut Mitteilung. Die Fraktion werde einen entsprechenden Antrag im Innenausschuss stellen.

Zu der gegen 14.00 Uhr gestarteten Demonstration in Hamburg waren der Polizei zufolge in der Spitze rund 6.700 Menschen gekommen.

Dem Aufruf seien viele unterschiedliche Gruppen gefolgt, sagte eine Sprecherin des Organisationsteams. Das sei auch ein Zeichen der Stärke, sagte die Sprecherin. Während der Demonstration gab es verschiedene Sprechchöre, darunter «Hoch die internationale Solidarität» und «Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft». Auf den Plakaten und in den Sprechchören gab es zudem propalästinensische Sprüche und Rufe.

Viele Einzelhändler in der Luxus-Einkaufsstraße Neuer Wall hatten sich bereits am Freitag auf die Demonstration vorbereitet und nach den Ausschreitungen bei den Jugendprotesten in Frankreich vorsorglich ihre Schaufenster mit Holzplatten verbarrikadiert. Wegen des Reformationstages, der in Hamburg Feiertag ist, blieben die Läden am Samstag geschlossen. Zu Plünderungen oder zerstörten Geschäften kam es der Polizei zufolge nicht. In der Innenstadt wurden allerdings die Holzplatten, mit denen die Schaufenster geschützt wurden, mit Pro-Palästina-Sprüchen besprüht.

Zudem hatten Unbekannte in der Nacht gegen 4.00 Uhr die Scheibe eines Sportgeschäftes in der Spitaler Straße eingeschlagen und Kleidung gestohlen. Zeugen hatten drei Jugendliche mit entsprechender Ware beobachtet, wie ein Mitarbeiter des Lagezentrums am Morgen sagte. Ob die Aktion im Kontext der Krawalle nach der Demo oder Halloween stand, war zunächst unklar.

Die «Gen Z regelt»-Initiative hatte in ganz Deutschland zu Aktionen aufgerufen. Demonstriert werden sollte für mehr Geld für das Schulsystem, konsequenten Klimaschutz, Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen eine Einführung der Wehrpflicht.

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