12. August 2026 – dpa

Drogenprozess

Viertel Tonne Koks auf Segelboot – Prozess mit Polizeischutz

Bewaffnete und maskierte Polizisten im Saal, Beamte mit Maschinenpistolen auf dem Gerichtsflur. Am Landgericht Rostock ist ein Drogenprozess gestartet - mit Schutzmaßnahmen für die Angeklagten.

v6rpxiwzm6-v1-ax-s2048.jpeg
Ein Paar aus dem Landkreis Rostock soll laut Staatsanwaltschaft versucht haben, viel Kokain per Segeljacht nach Europa zu bringen.

Das Weinen der Angeklagten ist schon zu hören, bevor sie überhaupt Saal 2.002 des Landgerichts Rostock betritt. Das sei nur die Polizei, beruhigt eine Justizbeamte die 67-Jährige mit Blick auf maskierte und bewaffnete Beamte, die sich kurz zuvor im Gerichtssaal verteilt haben. Die Angeklagte wirkt verstört, als sie mit einer Jacke über dem Kopf und einem Aktenordner vor dem Kopf zu ihrem Platz geführt wird.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft Rostock sollen sie und ihr 59-jähriger Mann versucht haben, mit einer Segeljacht mehr als eine viertel Tonne Kokain aus Kolumbien nach Europa zu bringen. Ihr Mann wird wenig später mit Schutzweste in den Saal geführt – zumindest nach außen deutlich entspannter als seine Frau.

Der Prozess gegen die beiden ist am Mittwoch mit strengen Sicherheitsvorkehrungen gestartet. Auf den Fluren des Gerichts waren Polizisten auch mit Helmen und Maschinenpistolen unterwegs.

Medienvertreter wurden penibel kontrolliert, ebenso ihre Taschen. Die Angeklagten dürfen laut Gericht nicht fotografiert oder gefilmt werden, auch nicht – wie sonst üblich – vor Beginn der Verhandlung und so, dass sie nicht erkennbar sind. Die Vorkehrungen sollen die Angeklagten schützen.

«Hochgefährdet» seien beide Angeklagten, sagte Olrik Popiolek von der Staatsanwaltschaft Rostock. Details nannte er nicht. Vom Gericht hieß es, bei derartigen Drogenprozessen gehe es mitunter auch um Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Man wisse nicht, wovon solche Kriminellen mit Blick auf das Wissen von Angeklagten oder deren Aussagen ausgehen und wolle die Angeklagten vor möglichen Angriffen schützen.

Der Prozess startete mit mehrstündiger Verspätung, nachdem eine Schöffin nicht erschienen war. Zunächst musste für sie ein Ersatzschöffe gefunden werden.

Die anschließende Verhandlung dauerte nicht lange und bestand im Wesentlichen aus dem Verlesen der Anklage durch Staatsanwalt Popiolek.

Demnach soll das Paar aus dem Landkreis Rostock irgendwann im Frühjahr bis Sommer 2024 den Entschluss gefasst haben, zusammen über den Seeweg Kokain aus Kolumbien nach Deutschland zu bringen, und zwar im dreistelligen Kilobereich. Anfang Juli sollen sie demnach eine etwa 14 Meter lange Segeljacht mit Namen «Leander» in Greifswald gekauft haben. Den Kaufpreis von 200.000 Euro zahlten sie demnach bar. Sie änderten den Namen des Schiffs den Angaben zufolge eigenmächtig in «Target», ohne dies jedoch offiziell zu melden.

Schließlich seien sie gemeinsam mit Stopps in Großbritannien, Spanien und Portugal nach Cartagena in Kolumbien gesegelt. Bei Segelmanövern hätten sie sich gegenseitig geholfen oder etwa abwechselnd Nachtwachen gehalten. Am 6. Februar seien sie angekommen. Nach einer Flugreise nach Deutschland in der Zeit von Anfang April bis Anfang Mai seien sie nach Kolumbien zurückgekehrt und hätten dort die rund 264 Kilogramm Kokain in Empfang genommen.

Am 4. Juli 2025 brachen sie demnach Richtung Europa auf und wurden am 8. August von portugiesischen Behörden in der Nähe der Azoren gestoppt. Das war nach Aussage Popioleks kein Zufall. Auch deutsche Behörden hatten die beiden demnach schon vorher im Visier. Zum Zeitpunkt der Kontrolle in internationalen Gewässern habe das Boot schon technische Probleme gehabt und sei nur langsam unterwegs gewesen. Portugiesische Ermittler fanden laut Anklage die Drogen.

Deren Analyse zufolge betrage der Reinheitsgehalt mehr als 75 Prozent. Dass das Kokain demnach schon etwas gestreckt war, ist laut Staatsanwaltschaft ungewöhnlich. Normalerweise komme es weitgehend pur aus Kolumbien. Die Menge übertraf laut Staatsanwaltschaft die Schwelle, ab der sie laut Gesetz als «nicht gering» gewertet wird, etwa um das 40.000-Fache. Es handelt sich laut Popiolek um eine der größten Drogenmengen, die in Mecklenburg-Vorpommern Gegenstand einer Gerichtsverhandlung geworden ist.

Die beiden Angeklagten befinden sich in Untersuchungshaft. Der Angeklagte hat sich nach Aussage Popioleks Ermittlern gegenüber bereits geständig gezeigt. Zum Prozessauftakt nutzen beide nicht die Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Ihre Anwälte sagten aber, dass dies im Laufe der Verhandlung noch erfolgen könne.

Der Strafrahmen umfasst laut Gericht im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von 1 bis 15 Jahren. Bis Mitte Oktober sind etwa ein Dutzend weitere Verhandlungstage angesetzt. Ursprünglich waren nach Angaben des Vorsitzenden Richters, Tilman Finke, sogar insgesamt 33 Prozesstage angedacht, auch um der Verteidigung genug Zeit für das Einbringen möglicher Beweise einzuräumen.

Er hat nach eigener Aussage der Verteidigung deutlich gemacht, dass die Länge des Prozesses wesentlich von deren Verhalten abhänge. Die Verteidigung beider Angeklagten habe ihm signalisiert, dass ihre Mandanten kooperativ sein wollten. Einen Deal, der etwa den Umfang der Zusammenarbeit vorgibt und dafür einen abgesteckten Strafrahmen in Aussicht stellt, hat es bislang aber nicht gegeben.

Kommende Woche soll unter anderem der portugiesische Polizist per Videoschalte aussagen, der die Durchsuchung der Jacht leitete.

News zum Nachhören

Aktuelles aus Mecklenburg-Vorpommern

Polizeimeldungen

Weitere Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Nachrichten aus Hamburg & Schleswig-Holstein

undefined
Audiothek