30. September 2026 – dpa
Harry, Frau Küppers und Dirk Matthies - Wer diese Namen hört, denkt oft automatisch an die Vorabendserie «Großstadtrevier». Die feiert nun ein rundes Jubiläum.
Als die junge Schauspielerin Maria Ketikidou an einem Tag des Jahres 1993 zum Casting ging, ahnte sie nicht, dass der Termin ihr Leben bis heute prägen würde. «Keine Schauspielerin denkt, wenn sie für eine Rolle vorspricht "Das mache ich jetzt die nächsten 33 Jahre"», sagt die Hauptdarstellerin der kultigen ARD-Vorabendserie «Großstadtrevier» der dpa in ihrem Stamm-Café auf dem Hamburger Kiez und lacht vergnügt.
Mittlerweile ist Ketikidou - als Zivilfahnderin Harry Möller - am längsten dabei beim «Großstadtrevier». Die beliebte Vorabendserie mit eher unterhaltsamen als blutrünstigen Krimis von der Waterkant läuft seit bald 40 Jahren. Sie gilt als die älteste Vorabendserie im deutschen Fernsehen.
Und die Einschaltquoten sind nach wie vor gut. Zuletzt sahen im Schnitt 2,8 Millionen Menschen die neuen Episoden. Mehr als 520 gibt es bereits. In der Jubiläumswoche im Dezember wird die 532. Folge laufen.
Den 40. Geburtstag begeht das fiktive Revier «PK 14» dann im Dezember mit dem Fall «Die einfachste Lösung». Und als Geschenk an die Crew (neben Ketikidou auch Patrick Abozen, Sven Fricke, Enrique Fiß, Özgür Karadeniz und Sinha Melina Gierke) um die herbe Polizeioberrätin Frau Küppers (Saskia Fischer) - sowie an das Publikum - gibt's am 6. Januar 2027, 20.15 Uhr, ein drittes Spielfilm-Special mit dem Titel «Großstadtrevier - Knockout». Die Hauptfigur wird dann von Oliver Mommsen (früher Bremer «Tatort») gespielt.
Zunächst aber startet das «Großstadtrevier»-Team am Montag (5. Oktober, Das Erste), 18.50 Uhr, mit den restlichen vier Folgen der 38. Staffel. Dann läuft die Folge «Offene Rechnung». Im Anschluss starten die neuen Episoden der 39. Staffel. Und auch die 40. Staffel ist bereits fertig, 2027 soll der Dreh für die 41. beginnen.
An ihrer Rolle schätzt Ketikidou, dass sie die Harry Möller entsprechend ihres eigenen Alters immer weiterentwickeln darf. Und die Frage nach dem möglichen Geheimnis des Erfolges der Serie kann sie beantworten: «Wir haben diese Dualität - wir dürfen ernst sein, aber auch komisch, sozial relevant und unterhaltsam. Was zwischen den Menschen passiert, ist wichtig bei uns - und nicht nur, wer der Täter ist», sagt Ketikidou im dpa-Interview.
Sie weist darauf hin, dass sich seit 1986 in der Gesellschaft sehr viel verändert habe. Cyber-Kriminalität, soziale Medien oder auch Massenmigration habe es damals ja nicht gegeben: «Das "Großstadtrevier" war dabei oft seiner Zeit voraus. Interessant ist, dass sich bei alledem der Mensch und seine Motive wie Gier, Einsamkeit, Liebe und Scham nicht geändert haben. Und wir arbeiten ja immer am Thema Mensch.»
Auch am Set herrsche ein besonderer Teamgeist. Ein weiterer Quotenbringer sei wohl auch die Hansestadt, meint die in Hagen (Nordrhein-Westfalen) geborene Deutsch-Griechin. «Wir erzählen nebenbei 40 Jahre Hamburg - wie die Große Elbstraße sich verändert hat etwa und wie die "Elphi" gebaut wurde. Ich plädiere immer für Fälle auf dem Kiez von St. Pauli, denn den liebe ich.»
Gerade auch den Süddeutschen gefalle diese norddeutsche Serie. «Jan Fedder und ich wurden 2005 in Rosenheim zu Ehrenkommissaren der Bayerischen Polizei ernannt», erzählt Ketikidou schmunzelnd.
Die Erinnerung an den 2019 gestorbenen Kollegen, mit dem sie persönlich befreundet war, bewegt die Schauspielerin sichtlich. «Er gehört zur DNA des "Großstadtrevier"», sagt die 60-Jährige. «Sein unverwechselbarer Charakter, seine Kodderschnauze - er hatte diesen trockenen Hamburger Humor. Und war so cool, früher hätte man gesagt, hinter ihm hat's geschneit.»
Das lenkt den Blick auf weitere der bislang 24 Ermittler und 12 Ermittlerinnen, die teils früh gestorben sind. Wie Kay Sabban (1952-1992) alias Motorradpolizist Neithardt Köhler und Mareike Carriere (1954-2014) als erste Streifenpolizistin im deutschen TV, nach deren Serienausstieg Ketikidou ursprünglich gecastet wurde.
Oder der Tod von Wanda Perdelwitz (1984-2025), die im vergangenen Herbst einen Fahrradunfall nicht überlebte. Die Darstellerin der «Nina Sieveking» starb ganz kurz vor der im St. Pauli Theater geplanten Uraufführung von «Ein Stück Großstadtrevier» aus der Feder Saskia Fischers.
«Wandas Tod durch diesen tragischen Unfall hat uns alle tief erschüttert. Dass das unmittelbar vor unserer Premiere geschah, war für uns als Ensemble eine sehr schwere und traurige Situation», sagt Ketikidou. Die Crew, die erstmals live auf einer Bühne zu sehen war, entschied sich schließlich, die Premiere des turbulenten Werks wie geplant zu spielen und Wanda Perdelwitz zu widmen. The Show must go on. Es wurde ein großer Erfolg - vom 4. Dezember an ist das Stück wieder auf der Kiez-Bühne zu erleben.
Heute freut es Ketikidou, dass bereits der dritte 20.15-Uhr-Spielfilm gedreht ist. «Es wird wieder eine sehr aktuelle Geschichte, Patrick, Saskia und Sinha stehen dabei im Vordergrund», verrät sie. Was sie an den 90-Minütern, die mehr als fünf Millionen Zuschauer gesehen haben, besonders mag: «Die Themen sind ein Stück weit dunkler und härter, der Dreh intensiver - da geht es noch mal ein bisschen mehr ans Eingemachte. Wir haben mehr Zeit, aufwendigeres Licht und aufwendigere Ausstattung, viel mehr Kameraeinstellungen.»
Die Schauspielerin fügt hinzu: «Wir lieben das alle sehr. Es ist eine Ehre, dass es die Filme gibt. Und vor allem, dass so viele Menschen sie gucken.»