09. September 2026 – dpa
Ob «Altes Land» oder «Mittagsstunde»: Dörte Hansens Romane handeln von Familien und ihrem Leben auf dem Lande im Strukturwandel der Zeit. So auch ihr viertes Werk «Broder», das jetzt erscheint.
Mit unsentimentalen, klug geschriebenen Familienromanen, die wirklichkeitsnah das Leben auf dem Lande im Wandel der vergangenen Jahrzehnte spiegeln, hat Dörte Hansen auf Anhieb die Herzen ihrer vor allem weiblichen Leserschaft erobert. Gleich ihr Erstling «Altes Land», der auch um den Heimatbegriff kreist, wurde ein Bestseller und später mit Iris Berben für das Fernsehen verfilmt.
Elf Jahre später legt Hansen, langjährige Journalistin und NDR-Redakteurin, nun ihr viertes Werk vor. In «Broder» schildert die 62-Jährige in kunstvoll einfacher Sprache das nicht nur konfliktfreie Miteinander der aus drei Generationen bestehenden Bahnsen-Sippe, Angehörige eines traditionsreichen Hofs mit inzwischen technisierter Milchviehwirtschaft in einem norddeutschen Dorf. Der Roman erscheint an diesem Mittwoch im Penguin-Verlag.
Familien- und Gemeinschaftssinn, aber auch Frust und Eifersucht, Tod und Trauer, digitalisierter Stall und wirtschaftliche Not – all das ist eingebettet in eine oft melancholisch stimmende Natur im Jahresverlauf. So heißt es zu Anfang: «Im Februar steht alles auf der Kippe. Die Haselsträucher blühen, und die Amseln singen schon, aber die Böden sind noch nass und kalt und auf den Höfen alle Hoffnungsspeicher leer. Es ist die Brachezeit, zu früh zum Pflügen, Düngen, Säen und zu spät für winterliche Ruhe. Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar.» Doch bald kommt das Licht wieder und die Hoffnung gedeiht.
Das Geschehen, in dem es Hansen-typisch nur wenige, lakonische Dialoge gibt, erlebt man oft aus Sicht des Titelhelden. Broder Bahnsen ist ein zweitgeborener Zwilling, der den Betrieb aus Traditionsgründen nicht erben durfte – und deshalb wider Willen zum Großtierarzt wurde. Nach Jahren in der Stadt lebt er wieder in seiner Heimat. In einem Flachdachbungalow von Bauhaus-Niveau mit seiner südfranzösischen Frau, einer Künstlerin, die von der herben Umgebung am Meer schon Bilder gemalt hat.
Was gab Dörte Hansen, die in Husum geboren wurde und mittlerweile wieder auf einem – bauernlosen – Dorf in der Nähe wohnt, den Anstoß für diese Geschichte, die auch Fragen nach der Zukunft der Höfe und ihrer Bewohner aufwirft? «Ich wollte wissen, ob der Lehrsatz der modernen Landwirtschaft, "Wachsen oder Weichen", eigentlich noch stimmt. Der Hof der Bahnsens ist ein hochmoderner Vorzeigebetrieb, der größte und erfolgreichste im Dorf. Und trotzdem geht es irgendwann nicht weiter», antwortet die mehrfach preisgekrönte Autorin der Deutschen Presse-Agentur.
Und ergänzt: «Was bedeutet das für die Familie? In erster Linie wollte ich diese Familiengeschichte schreiben: Zwei Brüder, die immer unzertrennlich waren, werden zu Rivalen, weil auf dem Hof nur einer bleiben kann. Und der andere, der gehen muss, fragt sich am Ende, ob er nicht insgeheim nur darauf wartet, dass der Bruder scheitert.»
Dabei besticht der mit 223 Seiten eher schmale Band durch eine Faktenfülle, die sehr realistisch anmutet. Sei es Kälbergeburt, riesige teure Landmaschinen oder die Gartenblumen, Handarbeiten und Kaffeetafeln, mit denen die Frauen getreu den ungeschriebenen Gesetzen des Dorfes miteinander in Wettstreit treten.
Dazu sagt Hansen: «Ich musste für "Broder" sehr viel recherchieren, weil ich von moderner Landwirtschaft wenig Ahnung hatte. Ich bin zwar in einem Bauerndorf aufgewachsen, aber damals gab es noch keine Melkroboter und kein digitales Herdenmanagement. Die Landmaschinen, die in meiner Kindheit hochmodern waren, sind heute schon museumsreif. Über Tiermedizin wusste ich anfangs noch weniger. Zum Glück gibt es viel gutes Material. Fachzeitschriften, Bücher, Agrarblogs, Reportagen.» Mit «einer Tierärztin, die mit ihrem Mann einen Milchbetrieb bewirtschaftet», hat die Schriftstellerin am Ende einen Faktencheck gemacht, wie sie sagt.
Auch Hansens Erfolgsromane «Mittagsstunde» von 2018 (2022 verfilmt mit Charly Hübner) über den Niedergang dörflicher Strukturen seit den 1960er Jahren und «Zur See» (2022), eine Erzählung von einer Nordseeinsel, auf der nicht mehr Seeleute, sondern Touristen den Ton angeben, handeln vom Land und seinen Menschen.
Wie kommt es zu dieser konsequenten Treue zu einem Stoffgebiet? «Ich bin selbst manchmal erstaunt darüber, dass die norddeutsche Provinz für mich so viel inspirierender ist als die urbane Welt – obwohl ich lange und gern in der Großstadt gelebt habe», antwortet die Nordfriesin, die mit Familie, Nachbarn und Freunden noch oft ihre Muttersprache Plattdeutsch spricht.
«Aber die Themen, die mich interessieren – gesellschaftlicher Wandel, Herkunft, Prägung – sehe ich "hier draußen" klarer», ergänzt Hansen. «Die Dramen, die mich interessieren, spielen sich nicht in den Metropolen ab, sondern in Landgasthöfen, Ställen, Werkstätten, auf Feldwegen und Deichen.»
Und zum Verschwinden und dem Gefühl von Verlust, die in ihren Büchern so eine große Rolle spielen, sagt die 62-Jährige der dpa: «Meine Romanfiguren stellen plötzlich fest, dass ihre alten Gewissheiten und Regeln nicht mehr gelten, dass sie die Welt nicht mehr verstehen. Ihr vertrautes Leben endet, und das neue können sie noch nicht begreifen. Vielleicht finden viele Leserinnen und Leser sich wieder in meinen suchenden und tastenden Figuren.»