19. Juni 2026 – dpa
Nicht nur im Winter: In Kiel bringen Kältebus und Arztmobil jeden Freitagabend Unterstützung zu wohnungslosen Menschen – mit Curry, Kaffee und einem offenen Ohr. Ein Abend mit den Maltesern vor Ort.
Es ist ein warmer Freitagnachmittag im Juni. Die Sonne scheint, viele Menschen sind bereits auf dem Weg nach Hause, in den Feierabend, ins Wochenende. Für andere beginnt die Arbeit jetzt erst.
Im Keller der Malteser in Kiel herrscht geschäftiges Treiben. In der Küche rührt Magrit in einem großen Topf Gemüsecurry mit Reis. Die 70 Jahre alte Rentnerin engagiert sich seit einigen Jahren beim Kältebus.
Während das Essen köchelt, werden Thermoskannen gefüllt, Hygieneartikel sortiert und Kisten verladen. Denn der Kältebus fährt nicht nur im Winter: Auch in den Sommermonaten sind die Ehrenamtlichen jeden Freitagabend in Kiel unterwegs. Im Winter fahren sie sogar an mehreren Abenden pro Woche. Heiße Getränke wie Kaffee und Tee gehören immer dazu. «Kakao ist tatsächlich auch im Sommer sehr beliebt», sagt Magrit.
Seit Jahren begegnet sie Menschen, die auf der Straße leben. Viele Geschichten gehen ihr nahe. «Wenn man manche Geschichten hört, wundert man sich, wie schnell es gehen kann», sagt sie. Oft seien es Schicksalsschläge, die Menschen aus der Bahn werfen. «Manchmal ist es fürchterlich zu sehen, in welche Richtung es geht.»
Dann werden die Fahrzeuge beladen. Neben dem Kältebus ist an diesem Abend auch das Arztmobil dabei, eine Ärztin und ein Assistent fahren mit. Sie versorgen Menschen, die oft keine Krankenversicherung und keinen regelmäßigen Zugang zu ärztlicher Hilfe haben.
Am ersten Halt dauert es keine Minute, bis die ersten Menschen auf die Fahrzeuge zukommen. Ein Park in Kiel gilt als einer ihrer bekannten Aufenthaltsorte. Sechs Menschen kommen direkt auf die Ehrenamtlichen zu.
Ein Mann geht sofort zum Arztmobil. Er hat Probleme mit dem Fuß und möchte die Ärztin sprechen. Während sie ihn versorgt, verteilen vier Helfer am Kältebus Curry und Reis, schenken Kaffee und Kakao aus und geben Hygieneartikel aus - Shampoo, Duschgel, Damenhygieneartikel und andere Dinge des täglichen Bedarfs.
Die Menschen scheinen auf die Ankunft des Busses gewartet zu haben. Einige kennen die Helfer seit Jahren, man begrüßt sich mit Namen. Immer wieder hört man einen Dank für das Essen oder die Unterstützung. Manche kommen aus dem schwärmen gar nicht raus.
Mitten im Trubel fragt eine Frau mit ihrem Essen in der Hand: «Wer hat das gekocht?» «Ich», sagt Magrit. «Lecker», sagt die Frau. «Dann mache ich das wieder», entgegnet die 70-Jährige und schmunzelt. Für einen Moment wirkt die Szene fast alltäglich.
Als alle versorgt sind, wird zusammengepackt. Die Ärztin reinigt Stethoskop und Instrumente, dann geht es weiter. Auf dem Weg zum nächsten Halt stoppen die Helfer immer wieder dort, wo sie Menschen kennen oder vermuten. Wer möchte, bekommt eine warme Mahlzeit, etwas zu trinken und medizinische Hilfe.
Die Route führt weiter in den Stadtteil Gaarden. Auch hier kommen die Menschen direkt auf die Fahrzeuge zu, kaum dass sie angehalten haben. Einige wirken sehr jung, manche schätzungsweise keine 20 Jahre alt.
Zu den Ehrenamtlichen gehört auch Claus. Der 72 Jahre alte frühere Bauingenieur engagiert sich seit Jahren beim Kältebus. Warum, muss er nicht lange überlegen: «Ich komme abends nach Hause und freue mich, weil ich etwas Gutes tun konnte», sagt er. Der Einsatz sei längst Teil seines Lebens geworden. «Es würde mir etwas fehlen, wenn ich es nicht täte.» Magrit sieht es ähnlich: «Ich habe viel mehr Glück als die Menschen, denen wir helfen. Davon kann ich etwas abgeben.» Die anderen Helfer stimmen zu.
Der letzte Halt des Abends ist der Kieler Hauptbahnhof. Wieder warten einige Menschen, als Kältebus und Arztmobil vorfahren. Andere kommen dazu, als die Helfer Essen ausgeben und Kaffee ausschenken.
Reisende treten aus dem Bahnhofsgebäude, manche schauen nur kurz hin, andere bleiben stehen. Noch einmal werden Portionen Curry ausgegeben, Becher gefüllt, Gespräche geführt. Dann werden die Töpfe verstaut, die Türen geschlossen, der Motor gestartet. An diesem Abend erreichen Kältebus und Arztmobil rund 60 Menschen. Die Ehrenamtlichen sprechen von einem eher ruhigen Abend.
Für die Helfer geht es zurück zu den Maltesern, der Abwasch wartet noch. Für viele Menschen, die sie an diesem Abend getroffen haben, bleibt die Straße vorerst ihr Zuhause.