06. Juli 2026 – dpa
Im Wattenmeer bei Regen und Sturm: Wie Wasserbauer mit Muskelkraft und moderner Technik an Schleswig-Holsteins Deichen arbeiten – und warum das wichtiger wird.
Trotz moderner Technik ist im Küstenschutz immer noch viel Handarbeit nötig. Etwa beim Bau und der Instandhaltung von Lahnungen im Vorland der Nordsee. «Lahnungsbau ist eine unserer wichtigsten Aufgaben im Küstenschutz», sagte der zuständige Geschäftsbereichsleiter beim Landesbetrieb Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN), Fabian Lücht. «Denn durch den Lahnungsbau wird Vorland erschaffen und Vorland erhalten.»
Die Lahnungen dämpfen die Wellen und reduzieren so die Seegangsenergie, die auf Watt und Vorland wirken. Zudem können sich während der Ebbe zwischen den Lahnungen Sedimente absetzen, so dass das Vorland aufwächst, wie Lücht sagte. Insgesamt gebe es rund 370 Kilometer Lahnungen in Schleswig-Holstein, die erhalten werden müssen.
Bei Wind und Wetter gehen die Wasserbauer ins Vorland und ins Watt uns rammen Pfähle in langen Doppelreihen ein. Anschließend werden diese mit Reisig verfüllt. Auch an diesem Vormittag sind die Männer des LKN-Bauhofes in Uelvesbüll (Kreis Nordfriesland) bei Regen und Sturm unterwegs. Mehrere hundert Pfähle werden sie an diesem Tag kontrollieren und gegebenenfalls durch neue ersetzen.
Dazu benutzen sie unter anderem eine Pfahlramme, die der Landesbetrieb auf Basis einer Wackerramme, wie man sie beispielsweise aus dem Straßenbau kennt, selbst entwickelt hat. An diesem Tag führen sie das Gerät, das von fünf Menschen gleichzeitig bedient werden muss, Küstenschutzminister Tobias Goldschmidt und Arbeitsschutzministerin Aminata Touré (beide Grüne) vor. Und nach einer kurzen Einweisung durfte der Besuch aus Kiel auch selbst mit anpacken - nachdem sie vorher mit Sicherheitsschuhen, Gehörschutz, Handschuhen und Brille ausgerüstet wurden.
Denn darum ging es auch beim Besuch der Minister: Arbeitsschutz beim Landesbetrieb. «Wer unsere Küsten schützt, muss selbst geschützt werden», sagte Touré. Deshalb sei es wichtig, dass beim LKN der Arbeits- und Gesundheitsschutz so groß geschrieben wird. Denn die Arbeiten am Deich und anderen Küstenschutzanlagen seien vielfältig und fänden oft unter herausfordernden Bedingungen statt. Gerade im Watt könnten Arbeitende tief versacken, sie müssen die Gezeiten immer im Blick behalten.
«Anstrengend war es», sagte Touré, nachdem sie und Goldschmidt mit verschiedenen Werkzeugen Pfähle in den Boden gerammt haben. Sie habe wirklich einen Heidenrespekt vor den Menschen, die das teilweise seit 40 Jahren machten.
«Das ist wirklich ein Knochenjob», findet auch Goldschmidt. «Ich habe das jetzt zehn Minuten gemacht und mein Unterarm ist schon fast verkrampft.» Die Wasserbauer, die das jeden Tag machten, verdienten «unser aller Respekt».
Neben der Unterhaltung der bestehenden Lahnungsfelder gehören auch die Instandsetzung von Deckwerken, Einfriedungsarbeiten, die Bekämpfung von deichschädlichen Tieren und Pflanzen sowie die Räumung von Treibsel zur Sicherstellung der Funktionsfähigkeit der Deiche zu den Aufgaben der Küstenschützer des Landesbetriebs.
Ein Viertel Schleswig-Holsteins liegt in überflutungsgefährdeten Küstenniederungen und ist hochwassergefährdet, wie Goldschmidt sagte. «Die Küste nachhaltig zu schützen gehört genau so zu Schleswig-Holstein wie das Leben mit dem Meer.» Ohne den täglichen Einsatz der Wasserbauer und Wasserbauerinnen vor Ort könnten die Menschen in den überflutungsgefährdeten Gebieten nicht sorglos leben.
Küstenhochwasserschutz und Küstensicherung haben nach Angaben des Umweltministeriums eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Knapp 4.000 Quadratkilometer Küstenniederungen an Nord- und Ostsee sowie an der Tideelbe gelten als potenziell überflutungsgefährdet. Hier leben rund 333.000 Menschen, es sind Sachwerte in Höhe von 60 Milliarden Euro vorhanden.
«Doch die Klimakrise stellt uns vor ganz neue Herausforderungen», sagte Goldschmidt. Die Bedeutung wehrhafter Deiche steige mit dem Meeresspiegel. Auch deshalb habe man «riesengroße Programme» aufgelegt, damit die Deiche klimafit werden.
Der Meeresspiegel wird künftig noch schneller ansteigen. Seit etwa 1900 sind es früheren Angaben des Ministers zufolge 20 Zentimeter gewesen. Bis zum Ende des Jahrhunderts müsse man mit einem weiteren Anstieg um 80 Zentimeter rechnen, sagte Goldschmidt in Uelvesbüll.
Die Klimadeiche sind nach derzeitigem Kenntnisstand bis in das nächste Jahrhundert sicher, auch wenn die ungünstigsten Prognosen zum künftigen Meeresspiegelanstieg eintreffen. Die neuen Deiche werden hierfür nicht nur höher, sondern haben anders als ihre Vorgänger ein flacheres Profil und eine verbreiterte Deichkrone. So können sie Sturmwellen länger standhalten. Zudem sind die Deiche mit einer Baureserve versehen: Sie können - falls nötig - künftig weiter ertüchtigt werden.