17. August 2026 – dpa
Die 27-Jährige betreut mehr als 46.000 Medien in niederdeutscher Sprache. Nirgendwo sonst gibt es einen größeren Bestand, Besucher kommen aus aller Welt. Doch die Bibliothek muss verkleinert werden.
Letztens kam ein Student aus den USA. Für eine wissenschaftliche Arbeit über norddeutsche Auswanderer nach Amerika suchte er plattdeutsche Literatur. Bei seiner Recherche war er auf die Bibliothek des Instituts für niederdeutsche Sprache (INS) in Bremen gestoßen. Der katalogisierte Bestand ist online zu finden und reicht von historischen Werken bis zur zeitgenössischen Literatur. Die Sammlung plattdeutscher Medien ist so groß wie sonst nirgendwo auf der Welt. «Er war zwei-, dreimal hier und hat sich was rausgeschrieben», erzählt Nele Otten.
Als Leiterin der Bibliothek hat die 27-Jährige den Überblick über die insgesamt rund 46.000 Bücher, Theater- und Hörspielmanuskripte, Abschlussarbeiten, Zeitschriften, DVDs, CDs, Tonbänder und Schallplatten. Das älteste Buch im Bestand stammt aus dem Jahr 1851.
Die größte Abteilung ist dabei die für Belletristik, Lyrik und Kinderliteratur. «Stadtbibliotheken haben meist nur eine Ecke mit Büchern in plattdeutscher Sprache aus der jeweiligen Region», sagt Otten. Und auch die Niederdeutsche Bibliothek der Carl-Toepfer-Stiftung in Hamburg reicht lange nicht an die Größe in Bremen heran: Sie umfasst rund 23.000 Medieneinheiten.
Niederdeutsch ist eine eigene Sprache mit vielen regionalen Varianten. Kinderbücher von Janosch oder Klassiker wie «Der kleine Prinz» stehen deshalb in unterschiedlichen Dialekten in den Regalen. Das Bremer INS sammelt alles, was auf und über Plattdeutsch herausgegeben wird, darunter auch unterschiedliche Auflagen eines einzelnen Werks des bekannten niederdeutschen Autors Fritz Reuter. Wenn Publikationen im Selbstverlag erscheinen, ist es für Otten nicht immer ganz einfach, davon zu erfahren. «Ich bin auf Hinweise angewiesen», sagt sie.
Im Sortiment sind auch Werke in Plautdietsch, einer Variante des Niederdeutschen, das vor allem im Ausland von den Nachfahren deutscher Auswanderer gesprochen wird. So war kürzlich ein älterer Mann aus Kanada da, der sich für ein Wörterbuch für Plautdietsch interessierte.
«Es ist spannend, welche Leute man hier kennenlernt», sagt Otten. Die Nutzung der Bibliothek ist kostenlos, ausleihen darf allerdings keiner etwas. «Alles andere wäre zu aufwendig», betont die Bibliotheksleiterin, die die einzige Angestellte am INS ist. Das Institut wird rein ehrenamtlich betreut.
Die Bibliothek liegt im historischen Schnoor-Viertel, die Tür steht meist offen. Die meisten Besucher kommen daher spontan herein. Zudem gibt es häufigen Besuch von Schulklassen oder Studierenden der Literatur- oder Sprachwissenschaft. Gerade waren Studierende aus Hannover da, die sich mit dem Fokus auf das Thema Diskriminierung in plattdeutscher Literatur umgeschaut haben. «Es gibt das Klischee, dass Plattdeutsch eine Sprache für alte Leute ist. Aber das ist definitiv nicht der Fall», sagt Otten.
Mit ihren 27 Jahren ist sie selbst das beste Beispiel, dass das gängige Bild nicht stimmt. Für Sprachen hat sie sich schon immer interessiert. Sie hat in Oldenburg Niederländisch und Russisch studiert, zu ihrem Job ist die Bremerin vor mehr als drei Jahren über ein Praktikum gekommen.
«Während der Corona-Zeit hatte ich Zeit, einen Plattdeutsch-Sprachkurs an der Uni zu machen», erzählt Otten. «Es war der schönste Kurs während des Studiums.»
Während des Kurses wurde ihr bewusst, dass sie Wörter schon von ihrem Opa kannte. Der hatte in ihrer Kindheit regelmäßig plattdeutsche Ausdrücke in sein Hochdeutsch integriert. «Ich dachte damals, das sei alles Hochdeutsch.»
Für eine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen ihres Sprachkurses kam sie zur Recherche ins INS. Als später ein Pflichtpraktikum im Studium anstand, fragte sie dort nach einem Platz. «Zwei Wochen nachdem ich angefangen hatte, wurde ich schon gefragt, ob ich nicht die freigewordene Stelle als Bibliothekarin übernehmen möchte.»
Otten wollte - und will auch nicht mehr weg. «Das ist ein sehr schöner Arbeitsplatz», sagt sie. Inzwischen spricht sie fließend platt. «Das ist kein Muss hier, aber es ist sehr hilfreich, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.» Die 27-Jährige mag die Sprache, in der man sich gleich duzt und damit schnell eine Nähe herstellt.
Das INS ist Ansprechpartner für alle norddeutschen Bundesländer zu Fragen rund um die Regionalsprache. Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Projektförderungen über den Bund. Doch das Geld reicht nicht mehr aus. Deshalb soll die Bibliothek verkleinert werden. «Wir müssen aussortieren», berichtet Otten.
Dem INS gehören vier kleine historische Häuser im Schnoor, die untereinander zugänglich sind und die bislang größtenteils von der Bibliothek genutzt werden. Drei Häuser stehen nun zum Verkauf. Mit dem Geld will der Verein seine Arbeit und die Sanierung des verbliebenen Gebäudes finanzieren. «Wir werden uns neu aufstellen müssen», sagt Otten wehmütig.
Ob sich am Ende des Prozesses immer noch die weltgrößte Bibliothek für Plattdeutsch in Bremen befindet? «Es kommt darauf an, um wie viel wir reduzieren», sagt Otten. Wegwerfen allerdings kann sie keine Bücher. Sie hat stattdessen angefangen, Kisten zum Verschenken vor die Tür zu stellen.