26. Juni 2026 – dpa

Entwidmung

Nordkirche gibt Gebäude auf - «Wie ein Abbruchunternehmen»

Kirchtürme prägen nahezu jede Gemeinde in Deutschland. Doch viele Menschen bekennen sich nicht mehr zum christlichen Glauben. Droht der Nordkirche ein großes Abbruchunternehmen?

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Die Zachäus-Kirche in Hamburg-Langenhorn wurde 1973 geweiht.

Angesichts der stark sinkenden Mitgliederzahl muss sich die Nordkirche von Kirchengebäuden trennen. «Seit 2015 wurden 45 Kirchen, Kapellen oder gottesdienstlich genutzte Gebäude entwidmet», sagt Oberkirchenrätin Deike Möller, die das Dezernat Bauwesen, Bau- und Denkmalpflege im Landeskirchenamt leitet. «Wir gehen davon aus, dass diese Zahl in Zukunft steigen wird.» Entwidmung bedeutet, dass die Kirchweihe rückgängig gemacht und das Gebäude nicht mehr für Gottesdienste genutzt wird.

Im vergangenen Jahr betraf es eine baufällige Kapelle im mecklenburgischen Garlitz bei Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim), die 1968 zu DDR-Zeiten errichtet worden war, sowie die Emmauskirche in Hamburg-Hinschenfelde im Bezirk Wandsbek und die Friedenskirche in Hamburg-Berne. Anfang dieses Jahres wurden eine Kapelle im mecklenburgischen Toddin bei Hagenow (Landkreis Ludwigslust-Parchim) und die Christuskirche in Dersau am Großen Plöner See entwidmet.

Das nächste Gebäude, in dem zum letzten Mal ein Gottesdienst stattfindet, ist die Zachäus-Kirche in Hamburg-Langenhorn. Die Hamburger Bischöfin und Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Kirsten Fehrs, wird am Sonntag zu der feierlichen Außerbetriebnahme erwartet. Das Gebäude aus dem Jahr 1973 bleibt allerdings erhalten. Eine Kita soll es weiter nutzen. Die Gemeinde verfügt über eine zweite Kirche aus den 1930er Jahren.

Die Nordkirche hatte im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben knapp 1,6 Millionen Mitglieder. Zehn Jahre zuvor waren es noch 2,1 Millionen. Als sich die Nordelbische Landeskirche mit den Kirchen von Mecklenburg und Pommern im Jahr 2012 zusammenschloss, zählte die Nordkirche 2,3 Millionen Mitglieder. Das bedeutet also einen Verlust von rund 30 Prozent seit Gründung der fusionierten Landeskirche.

Einige Kirchenkreise haben damit begonnen, ihren Immobilienbestand zu überprüfen und Gebäudestrukturplanungen zu erarbeiten. Andere Landeskirchen hätten das schon gemacht, heißt es in einer aktuellen Handreichung des Landeskirchenamts in Kiel. Dort gehe man davon aus, dass die Kirchengemeinden in einigen Jahren nur noch 30 bis 40 Prozent ihrer Gebäude unterhalten könnten.

Zur Nordkirche gehören derzeit knapp 1.800 Kirchen und Kapellen sowie rund 150 Kirchsäle. 76 Prozent der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Im bevölkerungsarmen und besonders mitgliederschwachen Mecklenburg-Vorpommern gibt es 1.138 Kirchen und Kapellen, von denen 93 denkmalgeschützt sind. Zu DDR-Zeiten waren Kirchenneubauten nur in seltenen Fällen möglich.

In Hamburg und Schleswig-Holstein wurden dagegen viele Kirchengebäude in der Nachkriegszeit errichtet. Der Unterhalt der in die Jahre gekommenen Bauten überfordert die Gemeinden häufig. Die Aufgabe einer Kirche ist jedoch oft mit Emotionen verbunden, weil sich gerade ältere Gemeindemitglieder mit dem Gebäude verbunden fühlen. Sie haben Erinnerungen an Taufen, Trauungen und andere besondere Feierlichkeiten.

Abschied von einer modernen Kirche zu nehmen, erscheine ihr darum schwieriger als von einer jahrhundertealten Dorfkirche, sagt Pastorin Astrid Wolters aus Hamburg-Langenhorn. Sie kenne eine Dame im Altersheim, die sich mit Wehmut an die Grundsteinlegung der Zachäus-Kirche erinnere.

Auch gegen den Abriss der Friedenskirche in Hamburg-Berne hatte es Anfang 2024 ein Bürgerbegehren gegeben. Es blieb aber letztlich erfolglos. Der Kirchengemeinderat beschloss die Entwidmung des Gebäudes aus dem Jahr 1939. Die Gemeinde sah aufgrund ihrer finanziellen Lage keine Alternative. Inzwischen sei das Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, heißt es aus dem Gemeindebüro.

In vielen Fällen machen sich Menschen ehrenamtlich für den Erhalt von Kirchengebäuden stark. In der Nordkirche gibt es nach Angaben von Möller rund 300 Fördervereine. Erst Anfang Juni fand in Pasewalk (Kreis Vorpommern-Greifswald) ein Tag der Fördervereine statt, auf dem Bischof Tilman Jeremias das Engagement würdigte.

Entwidmete Kirchen werden in vielen Fällen weiter genutzt, etwa als Kita, Veranstaltungsraum oder Museum. Für überregionale Diskussion hatte vor gut zehn Jahren die Nachnutzung der ehemaligen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn gesorgt. Die Kirche war im Jahr 2002 entwidmet und nach Jahren des Leerstands von der islamischen Gemeinschaft Al-Nour gekauft worden. Seit 2018 ist das Gebäude eine Moschee.

Die Übernahme durch den islamischen Verein wurde damals als Ausnahmefall bezeichnet. 2007 hatte die Nordelbische Landeskirche in einer Rechtsverordnung festgelegt, dass Kirchen nur an christliche oder - als Ausnahme - jüdische Religionsgemeinschaften verkauft werden dürfen.

Seit Anfang 2025 gilt in der Nordkirche ein neues Gesetz zur Widmung und Entwidmung von Kirchengebäuden. Darin heißt es, dass Kirchen nicht Gruppierungen überlassen werden dürfen, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen oder verboten sind. Die Ziele der Nachnutzer dürften auch nicht dem Auftrag der Kirche entgegenstehen und ihrem Ansehen Schaden zufügen.

Ist damit eine Nachnutzung als Moschee also grundsätzlich möglich? Kirchensprecher Dieter Schulz gibt darauf keine klare Antwort. Die Gemeinden müssten als Eigentümer entscheiden. Bei der Einbringung des Gesetzentwurfs Anfang 2024 in die Landessynode hatte die Kirchenleitung erklärt, dass die Weitergabe an muslimische, buddhistische, hinduistische Religionsgemeinschaften umstritten sei.

In der Handreichung unter dem Titel: «Neues Leben in Gottes Häusern» stellen Möller und ihre Mitautoren viele gelungene Beispiele für eine Nachnutzung von Kirchengebäuden vor. Im Nachwort gehen die Verfasser auf die Melancholie ein, die einige der Verantwortlichen in den Gemeinden empfinden: «Manche sind darüber traurig, empfinden ihre Aufgabe als unangenehm und wie ein großes Abbruchunternehmen.» Doch die Autoren fügen als Ermutigung hinzu: «Wir müssen und können immer gestalten.»

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