09. September 2026 – dpa

Landtagswahl MV

Die 89-Jährige, die in den Landtag will

Margarete von Holst zählt zu den ältesten Kandidaten, die sich jemals in Deutschland für einen Sitz in einem Parlament beworben haben. Was treibt die fast Neunzigjährige an?

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Margarete von Holst ist heute in Güstrow zu Hause. (Archivbild)

Was für einen Lebensweg hat diese Frau in neun Jahrzehnten zurückgelegt? Geboren in Reval, der heutigen estnischen Hauptstadt Tallinn, verschlägt es Margarete von Holst als Flüchtlingskind nach Leipzig. In den Jahren darauf geht es über Stationen wie Neuruppin, die Lüneburger Heide und Berlin schließlich in den Norden. Margarete, genannt Gretel, will Missionarin werden und wird am Ende Pastorin. Heute lebt die 89-Jährige in Güstrow. Jetzt kandidiert sie für den Landtag.

Es ist nicht ihr erster Anlauf. Schon bei der Landtagswahl vor fünf Jahren tritt Margarete von Holst an. Mit 84 Jahren ist sie bereits damals die Älteste im Bewerberfeld. Sie scheitert, wie sie wohl auch dieses Mal scheitern dürfte. Denn die Pastorin im Ruhestand kandidiert auf der Landesliste des Bündnis C. Die Kleinpartei erhielt bei der Landtagswahl 2021 ganze 0,1 Prozent der Stimmen.

Was treibt sie dann an? «Es liegt mir einfach daran, dass unsere christliche Partei viele Stimmen bekommt», sagt von Holst. «Mich kennen viele Menschen, weil ich noch oft in verschiedenen Kirchen predige und auch sonst noch aktiv bin.» Ruhe ist ihre Sache nicht. «Mein Leben ist bunt», sagt sie.

Margarete von Holst stammt aus einem alten baltendeutschen Adelsgeschlecht. Ihr Elternhaus ist christlich geprägt, der Vater Pastor wie schon der Großvater mütterlicherseits. Gretel, wie sie zur Unterscheidung von ihrer Mutter genannt wird, die auch Margarete heißt, wächst als jüngstes von sechs Kindern auf. Außer ihr lebt heute noch eine Schwester in Jena.

Als kleines Kind verliert Gretel zum ersten Mal ihre Heimat, wird 1939 im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes mit ihrer Familie von Reval in den damaligen Warthegau umgesiedelt, wie sie erzählt. Die Region gehört seinerzeit zum Deutschen Reich und heute zu Polen.

Gretels Mutter berichtet in einem Audio-Dokument des Verbandes der Baltischen Ritterschaften, wie Stalin die seit 1918 selbstständigen drei baltischen Staaten bekam und die dort lebende deutsche Minderheit ausgesiedelt wurde.

Der Hitler-Stalin-Pakt wurde im August 1939 als Nichtangriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion geschlossen. Er ebnete laut Bundeszentrale für politische Bildung den Weg für den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 - denn Hitler musste dank des Abkommens kein Eingreifen der Sowjetunion befürchten. Ein geheimes Zusatzprotokoll sah die Aufteilung des Baltikums und Polens in eine sowjetische und eine deutsche Interessensphäre vor.

Das Leben der Familie von Holst im Warthegau währt nur wenige Jahre - bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Dann müssen sie vor der anrollenden Roten Armee fliehen. «Im Januar 1945 auf der Flucht kamen wir nach Leipzig», erzählt Gretel von Holst. Wenig später sei ihr Vater dann Pastor in Neuruppin geworden. Erneut wird umgezogen.

«Nach zwei Jahren hieß es, die Balten würden nach Estland zurückgeschickt, das hieße nach Sibirien, darum flohen wir nach Berlin-Lichterfelde West.» Dann, 1950, ein weiterer Umzug, jetzt nach Ostberlin, wo der Vater als Krankenhausseelsorger arbeitet. Zur Schule geht Gretel von Holst aber weiter in Westberlin.

Sie setzt die christliche Berufstradition ihrer Familie fort. Nach der elften Klasse verlässt sie die Schule, wie sie erzählt, und kommt für ein Jahr in ein kirchliches Haus in Werle bei Güstrow. Die junge Frau bleibt in der DDR, obwohl es für kirchlich engagierte Menschen gerade in den 1950er Jahren nicht leicht ist.

«Ich wollte Missionarin werden», erzählt sie. Sie lässt sich ausbilden und arbeitet nach ihrem Examen als Gemeindehelferin unter anderem in Kavelstorf, Rostock-Reutershagen, Alt-Karin bei Kröpelin und in Serrahn. Jahre später folgt eine große Beförderung. «Der Landessuperintendent wollte Frauen, die nicht studiert hatten, ordinieren und so wurde ich 1981 ordiniert.» Doch erst nach der Wende sei sie von der Kirche übernommen worden und habe sich nun Pastorin nennen dürfen. Seit 1998 im Ruhestand, wohnt sie jetzt in Güstrow.

Margarete von Holst ist nach wie vor viel unterwegs. «Ich darf noch oft in verschiedenen Landgemeinden predigen», erzählt die Seniorin. Jeden Montag lädt sie überdies zu sich nach Hause zu einem Hauskreis ein. «Ich gehöre zur Landeskirchlichen Gemeinschaft hier und habe einmal im Monat einen Seniorenkreis, auch in Krakow einen.»

So wie die 89-Jährige bewerben sich immer wieder einmal in Deutschland Menschen im hohen Lebensalter für einen Parlamentssitz. Ein prominentes Beispiel ist der frühere Chef des Magazins «Focus», Helmut Markwort. Er kandidierte 2023 als 86-Jähriger für den bayerischen Landtag. Bei der Bundestagswahl 2025 war nach Angaben der Bundeswahlleitung eine 88-Jährige aus Hamburg die älteste Bewerberin.

Der älteste Abgeordnete des aktuellen Bundestags ist Alexander Gauland von der AfD mit 85 Jahren. Als ältester Bundestagsabgeordneter der Geschichte gilt Konrad Adenauer. Der CDU-Politiker gehörte dem Parlament bis zu seinem Tod 1967 an. Adenauer wurde 91 Jahre alt.

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