07. August 2026 – dpa
Im Mordprozess um den getöteten achtjährigen Fabian aus Güstrow ging es zuletzt teils emotional und auch hitzig zu. Der nächste Verhandlungstag dürfte besonders spannend werden.
Es ist still im voll mit Zuschauern und Journalisten besetzten Sitzungssaal 200.2 des Landgerichts Rostock. «Geht's?», fragt der Vorsitzende Richter Holger Schütt schließlich die Zeugin. Es ist die Großmutter des getöteten achtjährigen Fabian aus Güstrow. Sie hat ein Taschentuch ausgepackt, wischt sich die Augen unter ihrer Brille. Gerade ist sie in ihren Schilderungen am Zeitpunkt im vergangenen Oktober angekommen, an dem klar war, dass ihr Enkel tot ist.
Ihre Tochter, Fabians Mutter, sitzt rechts von ihr. Wie schon in den vielen vorhergehenden Prozesstagen sitzt sie aufrecht mit den Fäusten auf dem Tisch und erhobenem Blick. Fabian sei ein «aufgeweckter, lustiger» Junge gewesen, sagte die Großmutter am mittlerweile 21. Verhandlungstag des Mammutprozesses.
Der Junge habe aber auch seine «Zick-Phasen» gehabt, in denen er bockig gewesen sei, sagte die Großmutter. Vor etwa zwei Jahren sei er eine Zeit lang sehr auffällig gewesen und besonders schnell wütend geworden. Damals habe er keinen Kontakt zu seinem Vater gewollt. Dieser lebt getrennt von Fabians leiblicher Mutter und war damals in einer Beziehung mit der inzwischen wegen Mordverdachts Angeklagten.
Es sei etwas vorgefallen, sagte die Zeugin. Fabian habe ihr erzählt, sein Vater sei «böse» zur inzwischen Angeklagten gewesen, ohne weiter ins Detail zu gehen. Bereits zuvor war im Prozess Thema, ob und in welchem Maße der Mann gegenüber der Angeklagten in der Beziehung gewalttätig war. Als Zeuge hatte der Vater entsprechende Vorwürfe zurückgewiesen.
Die Großmutter schilderte auch, wie sich Fabian und sein Vater später wieder annäherten. Dies passierte demnach, nachdem sich der Vater von der Angeklagten getrennt hatte. Demnach wollte der Sohn wieder zu seinem Vater und beide hätten miteinander Zeit verbracht.
Die Staatsanwaltschaft wirft der angeklagten 30-Jährigen vor, Fabian am 10. Oktober 2025 an einem Teich bei Klein Upahl, etwa 15 Kilometer südlich von Güstrow, erstochen und den Leichnam anschließend in Brand gesetzt zu haben. Die Ermittler gehen von einem Zusammenhang mit der Beziehung zum Vater und der Beendigung aus. Inzwischen sind beide wieder ein Paar, wie der Vater vor Gericht ausgesagt hatte.
Gestartet war der Prozesstag mit zahlreichen Beweisanregungen der Verteidigung. Rechtsanwalt Andreas Ohm stellte die von der Staatsanwaltschaft zugrunde gelegten Zeitabläufe am Tag der Tötung des Jungen sowie am Vortag in Zweifel. Aus seiner Sicht gibt es etwa Zweifel daran, dass sich die Angeklagte an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten aufgehalten hat.
Daher sollte etwa ein Bewegungsprofil des Autos eines Zeugen erstellt werden, mit dem sich die Angeklagte unter anderem am Todestag Fabians traf. Auch sollte ein Zeuge erneut zur Funkzellenauswertung aussagen, also zur Verortung etwa des Handys der Angeklagten anhand von Mobilfunkdaten.
Zudem sollen der Arbeitgeber und ein Kollege zum Tagesablauf von Fabians Vater am Tag des Verschwindens seines Sohnes vernommen werden. Eine weitere Anregung bezieht sich auf ein Fahrzeug, das dem auffälligen Pickup der Angeklagten ähneln und auch im Raum Güstrow unterwegs gewesen sein soll.
Die Ermittler haben eine umfangreiche Indizienkette erstellt, die etwa anhand von Handydaten, Foto- und Videoaufnahmen sowie Zeugenaussagen den mutmaßlichen zeitlichen Ablauf unter anderem des Tattages rekonstruiert.
Nach einer vierwöchigen Pause hat der Prozess auch weiteren Einblick in das Leben der Angeklagten gewährt. Als die jüngere Schwester der Angeklagten am Donnerstag aussagte, wurde sie von ihrer älteren Schwester skeptisch gemustert. Teilweise reagierte die Angeklagte mit Kopfschütteln auf die Aussagen ihrer Schwester. Einmal gerieten sie verbal aneinander.
«Hast Du einen Dachschaden oder was?», warf die Angeklagte ihrer Schwester an den Kopf. Zuvor hatte diese berichtet, ihre Schwester habe während ihrer später abgebrochenen Ausbildung aus Unlust am Arbeiten darüber nachgedacht, wie sie darum herumkomme. Wegen einer Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Symptomen bezieht sie seit Jahren eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Nachdem die jüngere Schwester ihrerseits auf den Anwurf vor Gericht barsch reagiert hatte, ermahnte Schütt beide.
Die jüngere Schwester, die nach eigener Aussage schon länger keinen Kontakt zur Angeklagten hat, sagte, diese könne zwar liebevoll sein, aber sehr schnell aufbrausend werden, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspreche. Sie warf der Angeklagten vor, sich während der gemeinsamen Jugend mit Lügen in ein besseres Licht gestellt und Aufmerksamkeit erheischt zu haben.
In der Schulzeit habe die Angeklagte weniger Freunde als ihre Schwester gehabt und sei eher eigenbrötlerisch gewesen. Als die jüngere Schwester schließlich auf dem Weg aus dem Gerichtssaal am Tisch der Angeklagten vorbeiging, würdigten sich beide keines Blickes.
Weil am Landgericht Rostock kommende Woche ein größerer Drogenprozess startet, wird der Mordprozess erst in zwei Wochen am 24. August fortgesetzt. Dann will sich erstmals die Angeklagte äußern. Es werde «bestimmt etwas umfangreicher», sagte ihr zweiter Verteidiger, Thomas Löcker. «Sie ist noch nicht fertig.»
Die Einlassungen müssten von der Verteidigung zudem noch häufiger durchgearbeitet werden. Die Chancen, dass die Angeklagte auf Nachfragen eingehen wird, sind seiner Aussage nach: «minimal klein».