01. September 2026 – dpa

Hamburger Singer-Songwriterin

Doku «Das Schweigen brechen» - Mit Mut gegen Missbrauch

«Nein (Du kannst mir nicht wehtun)» heißt ein Lied von Katha Rosa, in denen sie das Leid verarbeitet, das ihr Stiefvater ihr angetan hat. Nun erzählt sie in einer feinfühligen Doku ihre Geschichte.

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Katha Rosa (links) und ihre Zwillingsschwester Franzi - Szene aus der WDR-Dokumentation «Das Schweigen brechen - Von Mamas neuem Freund missbraucht» von Bärbel Körzdörfer, David Körzdörfer und Justine Rosenkranz. Der Film wird am 3.9. um 22.45 Uhr im WDR Fernsehen gezeigt.

Katha Rosas «Schwarzer Hund» zählt bereits mehr als 22 Millionen Streams bei den Spotify-Viral-Charts in Deutschland. Wochenlang belegte ihr musikalisch eingängiger Popsong aus dem Jahr 2023 bei dem Internet-Dienst Platz eins.

Und als optisch düster getöntes Video erzielte die 1993 geborene Singer-Songwriterin damit schon 2,4 Millionen Aufrufe bei YouTube. Für die Künstlerin ist das nur ein Erfolg unter vielen. Auch ein früherer Titel wie «Nein (Du kannst mir nicht wehtun)» gehört dazu. Doch ihre Freude darüber dürfte getrübt sein.

Denn Katha Rosa verarbeitet in ihren Liedern schwerwiegende Kindheits- und Jugenderfahrungen: die jahrelangen sexuellen Misshandlungen durch den Lebensgefährten ihrer Mutter unter dem Dach der Patchwork-Familie.

Damit gehört sie zu den vielen minderjährigen Missbrauchsopfern in Deutschland. Laut Bundeskriminalamt (BKA) gab es - bei steigender Zahl - 2025 mehr als 20.000 solcher Fälle. Passiert meist im familiären Umfeld durch männliche Alleintäter. Und die Dunkelziffer soll deutlich höher sein.

Nun erzählt die Musikerin, die heute verheiratet in Hamburg lebt, ihre Geschichte ganz direkt, ohne den Filter der Kunst, in einem Doku-Film aus der WDR-Reihe «Menschen hautnah».

Im feinfühligen 45-Minuten-Beitrag «Das Schweigen brechen - Von Mamas neuem Freund missbraucht» (3.9., 22.45 Uhr, WDR Fernsehen) von Bärbel Körzdörfer, David Körzdörfer und Justine Rosenkranz erlebt man Katha Rosa als ebenso verletzlich wie selbstbewusst - und ihrer eigenen Mutter vergebend.

Aus dem einstigen Opfer ist eine beeindruckende Frau geworden, die mit ihrer Offenheit und ihrem Mut, sich zu wehren, anderen ein Vorbild sein könnte. Denn nach einer Statistik der NGO Innocence in Danger (Deutschland) teilt sich nur ein Drittel der Betroffenen jemals jemandem mit.

«Zwei von drei Betroffenen sprechen ihr Leid nie aus. Uns liegt daran, zu zeigen, warum es so schwer ist das Schweigen zu brechen - weil die Minderjährigen Angst haben, nicht verstanden zu werden, selbst etwas Böses gemacht zu haben und dass die Wahrheit die Familie kaputt machen könnte», sagt der Filmemacher David Körzdörfer der Deutschen Presse-Agentur. Das sei die Psychofalle, in die Täter ihre Opfer hineinmanipulierten.

«Nachts bin ich davon wachgeworden, dass jemand die Treppe hochkommt, und ich wusste, jetzt kommt gleich das Monster ins Zimmer», sagt in der Doku mit leiser Stimme die 32-Jährige, in der die Erinnerung an die Zeit, seit sie sechs war, bis heute wütet.

Auch zu ihrer Zwillingsschwester Franziska, die im selben Zimmer im zweiten Stock schlief, hat sich der «Freund» immer mal wieder geschlichen. Meist legte er sich jedoch zu Katha ins Bett. «Ich habe einfach so getan, als würde ich schlafen. Ich war wie versteinert. Einfach so ein ekeliges Gefühl», sagt sie. Die Mutter aller Kinder der Familie war da längst auf die Schlafcouch im Wohnzimmer verbannt - ins Parterre des Reihenhauses.

Auf alten Bildern sehen die Kinder, die mit dem gewalttätigen Mann auch in die Badewanne mussten, blass und unglücklich aus. Mit der Pubertät wurden die sexuellen Vergehen nur noch schlimmer.

Die Mutter hat die Signale der Mädchen nicht erkannt oder nicht erkennen wollen - auch nicht, wenn sie etwas andeuteten. Und der Stiefvater droht ihnen damit, dass sie «böse» seien, wenn sie alles erzählten. Erst nachdem eine Frauenärztin stutzig wurde, trauten sich die beiden, der Mutter mehr zu offenbaren. Mit 16 Jahren zeigten sie den Mann an, dessen Fotos sie gleich zu Anfang des Films in kleine Stücke reißen und diese einzeln verbrennen.

Die Befragungen durch die Polizei und das Gericht erlebten sie als demütigend, sie fühlten sich wehrlos und als Lügnerinnen dargestellt. Nach Jahren lautete das Urteil in der Revision: zwei Jahre auf Bewährung und jeweils 3.000 Euro Schmerzensgeld für jede.

Katha und ihre Mutter wurden lange therapeutisch betreut. Im Film konfrontieren die Zwillinge die Frau mit ihrem Vorwurf, damals nicht auf sie gehört zu haben. Die bekennt, versagt zu haben - und darüber sehr unglücklich zu sein. Vielleicht auch, um auch dieses Stück Familie nicht zu verlieren, versöhnen sich die erwachsenen Töchter mit ihrer Mutter.

Heute ist die Frau Aufbauhelferin bei Kathas umjubelten Konzerttourneen, die spürbar vielen Menschen, die ähnliches erlebt haben, Kraft spenden.

Die junge Musikerin, die in der Kunst ihren Weg zur inneren Freiheit findet, hat in diesem Jahr den ersten Platz beim Panikpreis der Udo-Lindenberg-Stiftung errungen - nach dem vierten Platz im Jahr 2024. Ganz nach dem Stiftungsmotto «Jeder Traum, für den jemand alles gibt, ist es wert gelebt zu werden».

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