13. Juli 2026 – dpa
Durch die Fenster hat Anja Neumann zwei Jahrzehnte auf eine grüne Fläche geblickt. Jetzt sieht sie nur noch Baustelle. Die Inhaberin eines Friseursalons hat deshalb einen Entschluss gefasst.
Im Friseursalon auf der Max-Brauer-Allee ist fast alles wie immer. Friseurinnen wuseln durch den Laden. Sie waschen, färben und schneiden Haare. Die Kaffeemaschine brummt. Es ist warm, die Sonne knallt auf die Fensterfronten. Früher stand ein Baum vor dem Salon. Wie ein «Klimaschirm» habe der gewirkt, berichtet Inhaberin Anja Neumann.
Heute fällt der Blick auf ein riesiges Baugerüst. Darunter kommt der graue Rohbau der neuen Sternbrücke zum Vorschein. Er wirkt fehl am Platz, als sei er dort abgeladen und dann vergessen worden.
Seit 22 Jahren betreibt Neumann ihren Salon im Hamburger Schanzenviertel. Zu Hochzeiten beschäftigte die Ur-Hamburgerin nach eigenen Angaben 17 Mitarbeitende. Zwar seien die «fetten Jahre» vorbei, die Branche habe sich verändert. Das Geschäft laufe aber gut. Trotzdem hat Neumann einen Entschluss gefasst.
Wegen des Baus der neuen Sternbrücke will die 68-Jährige ihren Laden verkaufen. «Ich werde hier weggehen, das geht nicht mehr, ich kann das nicht aushalten», sagt sie. «Letztendlich haben sie mir die Grundlage entzogen, hier weiter bleiben zu wollen.»
Die alte Sternbrücke war nahezu 100 Jahre alt. Täglich wurde sie von mehr als 900 S-Bahnen, Regional- und Fernzügen passiert. Ersetzen soll sie eine 108 Meter lange und 21 Meter breite, stützenfreie Stabbogenkonstruktion, die auf der Brammerfläche gegenüber dem Geschäft vorgefertigt wird. Früher waren auf der Fläche Clubs ansässig.
Das Gelände habe das Viertel im Sommer sehr bereichert, sagt Neumann. «Die Mütter haben da mit ihren Kindern gesessen und gespielt, man hat da Geburtstage gefeiert, alles Mögliche.»
Mehr noch vermisst die 68-Jährige die Natur, die der Baustelle weichen musste. Für den Bau ließ die Bahn entlang der Max-Brauer-Allee 86 Bäume fällen. Sie waren Neumann zufolge da bereits 25 Jahre alt, als sie 2004 ihren Salon öffnete. Ihrem Namen werde die Straße nicht mehr gerecht. «Das ist ja jetzt keine Allee mehr, jetzt ist's ja ein Stück Autobahn», beschreibt sie ihren Eindruck von der viel befahrenen Straße.
Dass der Sommer dieses Jahr so lange auf sich warten ließ, sei ein Segen. Gegen die Hitze im Laden kämpfen surrende Ventilatoren. Autos rauschen vorbei. Darüber legt sich das Hämmern der Baustelle. Es habe Zeiten gegeben, da habe Neumann vor lauter Baulärm ihr eigenes Wort nicht verstehen können.
Die DB teilt mit, die Rodung der Bäume sei notwendig gewesen, um die neue Brücke transportieren und montieren zu können. Eine Umpflanzung der Bäume sei geprüft, aber verworfen worden, weil die Wurzeln den Umzug wohl nicht überlebt hätten. Für jeden gefällten Baum verspricht die DB drei neue: Es sollen 115 Straßenbäume gepflanzt werden, 100 Bäume in Grünanlagen und nach dem Bau 45 in der Allee. Die Arbeiten hätten bereits begonnen.
Vor der Sperrung sind Anwohner beunruhigt, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Eine Imbissbetreiberin zeigt ein Schreiben der DB vor, das Fragen offen lasse. Der Kioskinhaber nebenan beklagt, er kriege seine Pakete künftig nur noch bis zur Straßensperre geliefert.
Die Gegner der neuen Brücke haben sich in der Initiative Sternbrücke zusammengefunden. Ein Sprecher sagt, dass die Bauarbeiten die Anwohner nachts mal mehr, mal weniger störten. Das Problem: «Die Lautstärke kommt überraschend.» Wenn in der Nacht plötzlich gearbeitet werde, packe niemand seinen Koffer und breche ins Hotel auf.
Wegen der Störungen in der Nacht haben einem Bahnsprecher zufolge 400 Haushalte Anspruch auf ein Hotelzimmer. In den Wochen vor der Sperrung nahmen 70 Haushalte das Angebot an. Einige Wochen später waren es schon mindestens 150, wie der Sprecher berichtet.
Fahrradfahrer und Fußgänger drängen sich zu Stoßzeiten auf dem Gehsteig. Buslinien werden umgeleitet. Gegen Ende Juli sollen die vorgefertigten Brückenteile rund 500 Meter zur Baustelle transportiert und eingebaut werden. Bis voraussichtlich Anfang September ist die Allee für den Autoverkehr gesperrt.
«Ich habe mich nie vorher politisch engagiert», sagt Neumann. Das änderte sich mit dem Bauprojekt vor ihrer Tür. Sie habe Geld gesammelt, auf Demos gesprochen und junge Leute für die Protestaktionen gewinnen können.
Dass der Bau der Brücke keine größere Empörung auslöse, erfüllt Neumann zwar mit Wut, verwundere sie aber nicht: «Alles, was über den Tellerrand hinaus ist, ist eigentlich uninteressant für die Leute. Kann man auch verstehen, wir haben alle echt Sorgen.»
Die Schuld sieht sie bei anderen, etwa dem Senat. Sie findet nicht richtig, dass der Bürgermeister zulasse, dass die Brücke errichtet werde. Architekten hätten Alternativvorschläge erarbeitet, die eine Erneuerung der Brücke ohne Austausch vorgesehen hätten. Stattdessen habe «das Monster» den Zuschlag bekommen, wie Neumann den Neubau nennt.
Nach Aussage der DB stellt die Brücke, die über Jahre von namhaften Ingenieur- und Architekturbüros erarbeitet wurde, nach Abwägung aller Faktoren «das Optimum dar».
Die Friseurmeisterin ist sich sicher: Ihre Kundschaft wird ihr in einen neuen Laden folgen. «Das ist natürlich verrückt, weil das müsste ja gar nicht sein, nochmal so eine Anstrengung, nochmal einen Laden aufmachen», sagt Neumann. Gleichzeitig sei es ihre Stärke als Selbstständige, sich unvorhergesehenen Situationen zu stellen, sagt sie. In Rente könne sie noch nicht gehen. Derzeit ist sie in Gesprächen mit einem potenziellen Käufer.