05. August 2026 – dpa
Man kann auf ihnen «Ja» sagen oder sie in Krimis wiederentdecken: Hamburgs Leuchttürme können mehr, als Schiffen den Weg weisen.
Ihr Licht war oft das Letzte, das Schiffsleute beim Aufbruch ins Ungewisse sahen und das Erste, was Heimkehrern winkte: 13 Leuchttürme gibt es in Hamburg, die zur Stadt gehören wie ihr Hafen. 10 von ihnen sind noch in Betrieb.
Dabei ist der Turm eher zweitrangig: Wer sich auskennt, spricht von Leuchtfeuern, «weil das Feuer das ist, worum es geht», erklärt Leuchtfeuerexperte und Vorsitzender der Interessengemeinschaft Seezeichen, Frank Toussaint. «Deshalb sagt man auch nicht Leuchtturmwärter, sondern Leuchtfeuerwärter.»
Leuchtfeuer gibt es in jeder Façon: Richtfeuer helfen Schiffen dabei, sich im Kanal oder Flussbett exakt auszurichten, Orientierungsfeuer dienen den Seefahrern als Fixpunkte, Einfahrtsfeuer markieren den Eingang zu Häfen und Leitfeuer sind die Ampeln unter den Leuchttürmen: «Das ist dann in der Mitte weiß und links und rechts rot und grün. Wenn das Schiff im weißen Sektor ist, dann weiß es: „Ich bin richtig.“ Aber wenn die Farbe des Feuers plötzlich rot oder grün wird, dann muss man mal in die Seekarte gucken, ob man nach links oder nach rechts zu weit abgekommen ist vom Kurs», erklärt Toussaint.
Zwar sind Elektrizität und LED längst an die Stelle der offenen Feuer getreten, «aber verbrennen kann man sich natürlich auch an der Glühlampe noch», scherzt der Experte.
Zur Naherholung mit Elb-Feeling lohnt sich ein Besuch des kleinsten Leuchtturms der Stadt: Der rund sieben Meter hohe, grüne Flussleuchtturm schmückt die Bunthäuser Spitze, eine Landzunge im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Sie teilt die Norder- und Süderelbe und gehört zum Naturschutzgebiet Heuckenlock.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man das kleine denkmalgeschützte Wahrzeichen in einer knappen Stunde erreichen. Nach einem kurzen Spaziergang entlang großer Laubbäume kommt der grün-weiße Turm an der Spitze der Landzunge zum Vorschein. Es riecht nach Wald, Vögel zwitschern, auf der anderen Uferseite blöken Schafe. Die Geräusche der Natur werden höchstens von einem Motorboot unterbrochen. 19 Stufen führen auf die kleine Aussichtsplattform des Turms. Wer es gemütlicher will, kann auf der Holzbank Platz nehmen, die ihn umgibt.
Damit das Wasser gleichmäßig in Norder- und Süderelbe strömen konnte, wurde die Bunthäuser Spitze mehrfach verlängert. Der Leuchtturm, der 1914 errichtet wurde, «diente Schiffen als Orientierungshilfe und unterstützte sie dabei, den richtigen Fahrweg in Richtung Hamburger Hafen zu wählen», erklärt ein Sprecher der Hamburg Port Authority (HPA), die für die Instandhaltung zuständig ist.
Seit 1977 ist das Leuchtfeuer außer Betrieb. «Da leuchtet nichts mehr, da sind auch oben keine Glasscheiben mehr drin», erklärt Toussaint. Wegen Vandalismus seien die Fenster in der Spitze des Turms durch Aluminiumplatten ersetzt worden. «Wenn man da drin die Lampe anzündet, sieht die keiner.» Um das Holztürmchen, das an der Bunthäuser Spitze seit mehr als 100 Jahren Wind und Wetter trotzt, zu erhalten, liege der Fokus längst auf der denkmalgerechten Instandhaltung durch die Stadtmeisterei.
Übrigens: In der Hamburger Krimireihe der Autorin Christiane Fux wird aus dem friedlichen Fleckchen Natur ein echter Tatort: In «Das letzte Geleit», dem ersten Teil der Reihe, entdeckt Ermittler Theo Matthies an der Bunthäuser Spitze seine erste Leiche.
Wer von einem Leuchtturm in Rissen redet, meine meist das Unterfeuer Wittenbergen, erklärt Toussaint. «Weil man den am besten sehen kann». Tatsächlich kommen die markanten, rot-weißen Gittertürme in Rissen aber im Doppelpack: Das fast 42 Meter hohe Oberfeuer Tinsdal und das rund 30 Meter hohe Unterfeuer Wittenberg bilden zusammen die sogenannte Richtfeuerlinie Wittenbergen-Tinsdal.
Sie ist noch immer in Betrieb und sorgt dafür, dass Schiffe sicher durch die Elbe kommen. «Wenn man irgendwo zehn Meilen vor Helgoland ist, dann ist das ja ziemlich egal, ob Sie ein paar hundert Meter weiter links oder rechts schippern. Aber wenn man das in der Elbe macht, dann gibt's einen Unfall». Das sei der Grund, warum es entlang der Elbe noch so viele Richtfeuer gebe, erklärt Toussaint. «Weil sie damit eine so gute Positionierung hinkriegen.»
Damit sie ihre Funktion erfüllen können, gibt es Richtfeuer in der Regel nur im Paar: Zwei Türme, die circa einen Kilometer auseinander stehen, erklärt Toussaint. «Wenn das Schiff drauf zufährt, dann muss es halt das vordere, das Unterfeuer, genau unter dem Oberfeuer hinten sehen. Dann ist es in der richtigen Position.»
Die beiden Leuchttürme sind von Hamburgs Innenstadt aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in etwa einer Stunde und 15 Minuten zu erreichen. Zwischen Großstadt und Küste gelegen bietet sich Besucherinnen und Besuchern eine ungewöhnliche Atmosphäre – etwa wenn große Containerschiffe an den verlassen wirkenden Stahlriesen vorbeiziehen oder hinter ihnen die Sonne untergeht.
Ende des 19. Jahrhunderts habe sich die Stadt überlegt, «man will die ganze Elbe mal richtig befeuern und hat deswegen etliche Türme neu gebaut», erklärt Toussaint. Im Zuge dessen seien auch zahlreiche Gittertürme errichtet worden, von denen fünf übrig blieben. Die Richtfeuerlinie wird durch das WSA Elbe-Nordsee betrieben: Das umfasst «regelmäßige Begehungen, um die Funktionalität als Richtfeuerlinie sicherzustellen, als auch den Zustand der Bauwerke selbst zu überwachen», erklärt der Sprecher.
Das älteste Leuchtfeuer Hamburgs ist längst ein echtes Wahrzeichen im Wattenmeer, auch wenn sein Licht fast erloschen ist: Der dicke Backsteinturm auf der stadteigenen Nordseeinsel Neuwerk wurde vor über 700 Jahren als Wehrturm errichtet, um Piraten abzuschrecken. Von 1814 bis 2014 diente er den Seeleuten auf der Nordsee als Orientierungsfeuer.
«Dann ist er ganz schwach abgedimmt worden, damit die Touristen noch was davon haben. Nautisch ist er seitdem nicht mehr relevant, auch wenn da noch was leuchtet oben drin», erklärt Toussaint. Im Mai haben umfassende Umbauarbeiten auf der Insel begonnen, die die Stadt mit rund 40 Millionen Euro fördert. Im Zentrum steht die denkmalgerechte Sanierung des historischen Denkmals. Die Geschichte dieses besonderen Ortes solle «auch für kommende Generationen erlebbar» bleiben, teilte Kultursenator Carsten Brosda (SPD) zum Start der Bauarbeiten mit.
Die Arbeiten sind wegen der abgeschiedenen Lage der Insel eine besondere Herausforderung: Materialien und Maschinen müssen über das Watt oder per Schiff nach Neuwerk gebracht werden. Nach der Restaurierung der historischen Backsteinfassade wird der Innenbereich erneuert. Damit der Leuchtturm in Zukunft wieder mit Leben gefüllt werden kann: Ab 2028 sollen Gäste dort übernachten, essen und besondere Veranstaltungen wie Hochzeiten feiern können. Auch die Insel selbst soll sich mit neuen Wohnprojekten, Hotels und Gastronomie behutsam weiterentwickeln.
Neuwerk liegt rund 100 Kilometer vom Hamburger Stadtzentrum entfernt – und etwa 15 Kilometer nordwestlich von Cuxhaven. Ungefähr 20 Menschen leben den Angaben der Finanzbehörde zufolge dort. «Genau wissen wir es nicht. Hier geistert die Zahl 18 rum, manchmal heißt es aber auch 22», sagte eine Sprecherin der Finanzbehörde der Deutschen Presse-Agentur im Mai.