09. August 2026 – dpa

Friesisch und Plattdeutsch

Kann Künstliche Intelligenz kleine Sprachen retten?

Mit KI trainierte Tools können Übersetzungen von Plattdeutsch oder Friesisch erleichtern. Erste Ideen gibt es. Doch wie zuverlässig sind solche Systeme bei kleinen Sprachen? Und welche Hürden gibt es?

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KI-basierte Übersetzer für Friesisch oder Plattdeutsch haben bei der Entwicklung noch einige Hürden zu überwinden. (Symbolbild)

Wenn im Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft in Aurich eine Übersetzungsanfrage per Telefon oder E-Mail eingeht, sind Grietje Kammler und ihr Team gefragt. Ob für Briefe, Unterrichts- oder Werbematerialien bis hin zu Traueranzeigen und Redemanuskripten: Das Plattdüütskbüro hilft, wo hochdeutsche Sätze und Redewendungen passgenau in das in Ostfriesland gesprochene Niederdeutsch übersetzt werden sollen. «Das reicht von einem Wort bis hin zu ganzen Büchern», sagt Kammler, die Leiterin des Büros. «Der Bedarf ist da, täglich haben wir Anfragen.»

Moderne Technik könnte die Übersetzungen noch vereinfachen – zum Beispiel durch Künstliche Intelligenz. «Wir beobachten natürlich, was sich da tut und entwickelt», sagt Kammler. «Eines unserer Ziele ist, einen KI-trainierten Übersetzer für das ostfriesische Plattdeutsch zu haben.»

So ein Online-Übersetzer, kostenlos und rund um die Uhr abrufbar, würde dem Büro nicht nur die Übersetzungsarbeit erleichtern, sondern auch jeden zum Ausprobieren anregen, ist sich Kammler sicher. «Die Hemmschwelle hier anzurufen, wäre beispielsweise nicht da.»

Dass solche digitalen Dienste beim Lernen und Übersetzen von plattdeutscher Sprache helfen können, sieht das Plattdüütskbüro bei anderen Angeboten: Demnach wurde die eigene Platt-Lern-App «PlattinO» inzwischen mehr als 125.000 Mal heruntergeladen, das Online-Wörterbuch kommt auf mehr als 16 Millionen Übersetzungsanfragen – warum also nicht auch einen Plattdeutsch-KI-Übersetzer entwickeln?

«Viele Leute sprechen uns an und sagen: ChatGPT kann ja auch schon Platt», erzählt Kammler. Und das stimme zum Teil auch, denn wer ChatGPT um eine plattdeutsche Übersetzung bitte, bekomme diese in der Regel auch.

Das Problem: Plattdeutsch konzentriert sich im Vergleich zu anderen großen Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch auf einen geradezu winzigen Sprachraum. Für ihre Übersetzungsvorschläge nutze ChatGPT sämtlichen Plattdeutsch-Varianten, die sie im Internet finden könne, erklärt Kammler. Das führe zu Problemen – zum Beispiel beim plattdeutschen Wort «good» für «gut». «ChatGPT schreibt das mal mit D, mal mit T, mit einem O oder mit zwei oder vielleicht auch mal mit Ö – und das innerhalb eines Textes», sagt die Sprachexpertin. Für seriöse Übersetzungen sei das nicht zu gebrauchen.

Einen Schritt weiter ist bereits die Ferring Stiftung auf Föhr. Dort wurde Anfang 2025 ein KI-basiertes Online-Übersetzungsprogramm für Föhrer Friesisch (Fering) entwickelt. Friesisch zählt wie Plattdeutsch (Niederdeutsch) zu den sieben geschützten Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland.

Ein Grund, den KI-Übersetzer zu entwickeln, sei die sehr aktive und lebendige Sprachgemeinschaft, obwohl das Föhrer Friesisch nicht viele Sprecherinnen und Sprecher habe, sagt Hauke Heyen, Projektkoordinator des KI-Übersetzers «Fering Auersaater» bei der Ferring Stiftung. Viele Menschen, die mit ihnen zusammen lebten und arbeiteten, hätten oft den Wunsch, Friesisch besser verstehen zu können oder etwas auf Friesisch schreiben oder sagen zu können. «Menschen, die Friesisch lernen oder mit ihren eigenen Sprachkenntnissen unsicher sind, suchen Hilfe, wenn sie schnell etwas übersetzen wollen.»

Der Übersetzer basiert auf einem Modell für maschinelles Lernen (ML), das speziell mit rund 20.000 Sätzen trainiert wurde. Der Übersetzer werde zwar sehr gut angenommen, ist Heyens Eindruck. Jeden Monat liefert das Tool demnach rund 2.000 Übersetzungen an Nutzerinnen und Nutzer. Allerdings schwankten die Ergebnisse der Übersetzungen noch sehr stark, teils gebe es noch deutlichen Verbesserungsbedarf.

«Wir arbeiten aktuell daran, die Trainingsgrundlage deutlich zu erweitern, um die Zuverlässigkeit des Auersaaters verbessern zu können», sagt Heyen. Insgesamt stehe man mit der Übersetzungsleistung noch am Anfang, ähnlich wie die großen Online-Übersetzungsdienste vor 20 Jahren.

Für die Ostfriesen kommt ein Übersetzungstool nach dem friesischen Modell daher bislang nicht in Frage. Die Übersetzungsgenauigkeit sei noch zu gering und damit wenig praktikabel, sagt Kammler. Um einen Mehrwert zu schaffen und dauerhaft passgenaue Übersetzungen zu liefern, peilt das Plattdüütskbüro einen Übersetzer mit 99 Prozent Genauigkeit an. «Es muss alles korrekt sein», sagt Kammler. Nutzerinnen und Nutzer müssten sich schließlich auf die ausgegebenen Übersetzungen verlassen können.

Die Herausforderung sei, den «Topf mit Sprache» mit dem ein KI-Modell ausschließlich gefüttert werde, ausreichend mit konjugierten Verben, Nomen in verschiedenen Fällen und verschiedene Zeitformen zu füllen. «Je mehr da in diesem Topf drin ist und die KI trainiert, Übersetzungen korrekt auszugeben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch richtig ist, was dabei rauskommt», sagt Kammler.

Für einen ostfriesischen Plattdeutsch-Übersetzer steht das Plattdüütskbüro nun vor der Herausforderung, ausreichend Texte zusammenzustellen und maschinenlesbar zu machen. «Wir haben schon relativ viele Texte», sagt Kammler. Aber vieles liege bisher nicht in der passenden Form vor. Wörterbücher würden nur bedingt helfen, wichtig seien ganze Sätze. Doch die KI lasse sich nicht «nebenbei füttern», sagt Kammler. Der Wortschatz müsse strukturiert aufgebaut werden. Was passiere etwa, wenn es für ein hochdeutsches Wort zwei plattdeutsche Ausdrücke gibt – welches nehmen?

Trotz der technischen und organisatorischen Hürden ist sich Kammler sicher, dass es bald einen KI-Übersetzer für Plattdeutsch geben wird. «Im Grunde ist es nur eine Frage der Zeit», sagt sie, wenn man sehe, wie schnell die Entwicklung im Feld der Künstlichen Intelligenz sei. Mit anderen Sprachgemeinschaften wie etwa der Ferring Stiftung sei man im Austausch.

Dass allein Künstliche Intelligenz kleine Sprachen wie das ostfriesische Plattdeutsch oder das Föhrer Friesisch am Leben hält, daran haben die Experten aber ihre Zweifel. KI könne eine Unterstützung sein, sagt Kammler. «Ich glaube, am Ende hängt es von den Menschen ab, die diese Sprache sprechen.» Sie weist auch auf einen Imagewandel hin, den Plattdeutsch in den vergangenen Jahren hingelegt habe: Plattdeutsch zu lernen und zu sprechen sei auch unter jungen Menschen in Norddeutschland wieder gefragter.

«KI kann eine Sprache nicht am Leben erhalten», sagt auch Hauke Heyen von der Ferring Stiftung. «Damit eine Sprache gesprochen wird, ist der wesentliche Faktor, dass Sprecherinnen und Sprecher ein Interesse daran haben, die Sprache zu verwenden und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.» KI-gestützte Übersetzungssysteme könnten ein Baustein sein in einem Unterstützungssystem, Menschen bei Fragestellungen und mit Unsicherheiten weiterzuhelfen. «Aber sie können immer nur ein Baustein im Gesamtgebilde sein.»

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