23. Juni 2026 – dpa

NSU-Terror

Schwieriges Gedenken an Hamburger NSU-Mordopfer

Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem der NSU gemordet hat, in dem es keinen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gab. Zum 25. Jahrestag gestaltet sich das Gedenken weiter schwierig.

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Die Bürgerschaft wollte zum 25. Jahrestag des NSU-Mordes eine zentrale Gedenkfeier, die Familie des Opfers lehnt das ab. , Foto: Martin Fischer/dpa

25 Jahre ist es her, da wurde der türkische Gemüsehändler Süleyman Taşköprü in seinem Geschäft in Hamburg-Bahrenfeld ermordet. Durch einen Schuss in den Kopf wurde er so schwer verletzt, dass er kurze Zeit später in den Armen seines Vaters starb. Er wurde 31 Jahre alt.

Es sollte mehr als zehn Jahre dauern, bis klar wurde, wer den Vater einer kleinen Tochter ermordet hatte und warum.

Erst mit der Selbstenttarnung des sogenannten «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe wurden Ende 2011 die rassistischen Motive dieser und weiterer Taten deutlich - etwa bei den Morden von acht weiteren türkischstämmigen und einem griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie einer jungen Polizistin zwischen 2000 und 2007.

Die Sicherheitsbehörden hatten den Zusammenhang der Taten lange nicht erkannt und zunächst im Umfeld der Opfer ermittelt. Auch der Hinweis von Taşköprüs Vater, dass er zwei Deutsche in der Nähe des Tatorts gesehen habe, blieb unberücksichtigt.

Als sich Böhnhardt und Mundlos Ende 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach in einem Wohnmobil selbst das Leben nahmen, um sich der Festnahme zu entziehen, und man in den Trümmern der von ihrer Komplizin Beate Zschäpe angezündeten Zwickauer Wohnung ein Video fand, in dem mit den Morden geprahlt wurde, offenbarte sich das beispiellose Versagen der Behörden.

Im NSU-Prozess wurde Zschäpe schließlich als einzige Überlebende des Terror-Trios 2018 nach rund fünf Jahren Verhandlung zu lebenslanger Haft verurteilt.

Am Hamburger Tatort in der Schützenstraße erinnert seit Ende 2012 ein Gedenkstein an den Mord. Nicht weit entfernt wurde 2014 ein 300 Meter langes Teilstück der Kohlentwiete in Taşköprüstraße unbenannt. Forderungen, die Schützenstraße selbst umzubenennen - wie auch von den Angehörigen gewünscht, waren am Widerstand der Anwohner gescheitert.

In allen anderen Bundesländern, in denen der NSU gemordet hatte, wurden Parlamentarische Untersuchungsausschüsse (PUA) eingerichtet, um das Behördenversagen aufzuklären - nur in Hamburg nicht. Der Senat der Hansestadt hatte 2014 einen fast 90 Seiten langen Bericht zur NSU-Mordserie vorgelegt, in dem der Fall aus seiner Sicht umfangreich aufgearbeitet worden ist.

Doch die Rufe nach mehr Aufklärung verstummten nicht. Anfang vergangenen Jahres begann dann im Auftrag der Bürgerschaft ein interdisziplinäres Forschungsteam mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Das Ziel ist eine unabhängige Untersuchung der Geschehnisse und eine umfassende Analyse der damaligen Strukturen und Netzwerke.

Für die Familie, die nach wie vor einen PUA fordert, ist das nicht genug. Sie fühlt sich von der Politik alleingelassen. Wie tief die Kluft zwischen der Stadt und den Angehörigen ist, zeigte sich nun bei den Vorbereitungen zum 25. Jahrestag der lange unaufgeklärten Tat.

«Mir ist es sehr wichtig, mit der Familie in Kontakt zu treten, deshalb habe ich Anfang des Jahres einen Brief geschrieben», sagt Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit. «Ich suchte den Kontakt auch mit Blick auf unser Forschungsprojekt und hoffte, das sei ein guter Anknüpfungspunkt.»

Doch lange sei keine Rückmeldung gekommen. Zwischenzeitlich hatte die Bürgerschaft auf Antrag von SPD, Grünen, CDU und Linken beschlossen, dass «eine zentrale Gedenkveranstaltung» anlässlich des 25. Jahrestages «unter Berücksichtigung der Wünsche der Familie Taşköprü durchgeführt werden» sollte.

Dann - so erinnert sich Veit - kam von den Angehörigen die ablehnende Antwort auf ihren Brief, «in der die Familie sagte, sie wolle sich nicht instrumentalisieren lassen». Erneut sei unter anderem ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss gefordert worden.

Die Planungen für ein Gedenkformat liefen da bereits. So hatte das Erinnerungs- und Kulturprojekt «Kein Schlusstrich», dass sich bundesweit mit den NSU-Morden und den Hintergründen des rechten Terrors auseinandersetzt, ein Programm ausgearbeitet. «Sowohl vor als auch während der Programmplanung standen wir in Kontakt mit der Familie», sagt Leyla Erkuş von «Kein Schlusstrich».

Die Initiative sei der Familie bekannt gewesen. Zwischen einzelnen Akteurinnen und Akteuren des Projekts und der Familie Taşköprü «bestehen bereits seit vielen Jahren persönliche und professionelle Kontakte», sagt Erkuş. Nun aber seien sämtliche geplanten Veranstaltungen abgesagt.

In einem Interview mit dem Straßenmagazin «Hinz&Kunzt» hatte der Neffe des Mordopfers, Okan Taşköprü, sich Ende Mai von dem Beschluss der Bürgerschaft überfahren gezeigt: «Es war eine nett gemeinte Geste, aber als die Politik es ohne Rücksprache an die Presse gegeben hat, haben wir uns als Familie instrumentalisiert gefühlt», sagte er.

Statt einer zentralen Feier wolle seine Familie lieber im Gedenken an und im Namen des Toten Essen an Obdachlose austeilen - wie es in der Türkei Brauch sei.

«Dass die Familie kein gemeinsames Gedenken möchte, habe ich verstanden und respektiere es natürlich», sagte Veit. «Andererseits können wir diesen Todestag nicht unbeachtet lassen, weil er auch für uns als Stadt schrecklich und wichtig ist.»

Man wolle sich an den Wünschen der Familie orientieren und verzichte deshalb auf alle Veranstaltungen am Todestag. «Ich werde in der darauffolgenden Plenarsitzung am 1. Juli vor Eintritt in die Tagesordnung eine Ansprache halten, in der ich auf den 25. Todestag eingehen werde und auch auf unser Bemühen, den Komplex wissenschaftlich aufzuarbeiten», sage Veit.

Ungeachtet ihres parlamentarischen Amtes will sie am 27. Juni in Bahrenfeld sein. «Ich möchte persönlich aus Anlass des Todestages am Gedenkstein in der Schützenstraße still Anteil nehmen und eine Blume niederlegen.»

Veit zeigte sich weiter gesprächsbereit. «Nichtsdestotrotz steht das Gesprächsangebot gegenüber der Familie. Und ich hoffe, dass es ihr trotzdem möglich ist, mit der unabhängigen Forschungsgruppe zusammenzuarbeiten», sagte sie.

Überhaupt sei die wissenschaftliche Aufarbeitung eine große Chance. «Ein PUA ist im Kern ja ein politischer Kampf. Natürlich geht es darum, etwas herauszufinden, aber im Vordergrund steht der politische Wettstreit aller im Parlament vertretenen Fraktionen, begleitet von Medienspektakel», sagt sie.

«Und gerade, wenn die Familie sagt, wir trauen der Politik nicht und wir werfen euch vor, dass ihr euch nicht genug um uns kümmert, ist eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung doch eigentlich erst einmal das bessere Instrument für mögliche neue Erkenntnisse».

Und dass es dann vielleicht doch irgendwann noch mal einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gibt, will die Bürgerschaftspräsidentin nicht ausschließen. «Vielleicht stellt sich am Ende ja heraus: Da ist so viel aufgedeckt worden, aus dem sich so viele neue politische Fragen ergeben – jetzt brauchen wir einen PUA. Das kann ja sein.»

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