30. September 2026 – dpa

Moped-Kult

Eine Bühne für ein Moped: «Freiheit: Simson» hat Premiere

Ein DDR-Moped als Projektionsfläche für Nostalgie, Freiheit und Politik. Diese Perspektiven auf die Kult-Marke Simson bringt ein Theaterprojekt auf die Bühne - mit Stimmen von Zeitzeugen.

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Das Stück wird auf dem ehemaligen Simson-Werksareal aufgeführt.

Schon das typische Knattern der Simson-Mopeds löst in vielen Menschen Gefühle und Erinnerungen aus. Doch die «Simme» ist längst mehr als ein Nostalgie-Symbol für die nicht mehr existierende DDR. Mit dem Phänomen Simson beschäftigt sich nun ein Theaterprojekt in Suhl. Das Stück «Freiheit: Simson» feiert am Freitag im Gewerbepark Simson Premiere.

Auf diesem Areal wurden einst die Mopeds gebaut - im Volkseigenen Betrieb (VEB) Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk «Ernst Thälmann». Dort liefen hunderttausende Simson-Mopeds vom Band.

Die Ursprünge des Unternehmens liegen aber viel weiter zurück: 1856 gründeten die jüdischen Brüder Löb und Moses Simson in Suhl ein Unternehmen, das Waffen und später auch Fahrräder und Autos produzierte. Die Nationalsozialisten enteigneten 1935 die Familie Simson, führten den Produktionsstandort unter anderem Namen fort. Der Geschäftsführer Alfred Simson floh in die Schweiz und wanderte 1937 in die USA aus.

Regisseur Janek Liebetruth, 1980 im Harz in der DDR geboren und aufgewachsen, hat eigene Jugenderinnerungen an das Zweirad: «Mit 16 habe ich selbst eine Sahara-gelbe Simson besessen und bin damit zur Schule gefahren.» Dass hinter der Marke eine jüdische Familiengeschichte steckt, wurde ihm erst viel später bewusst.

Und dies hat mit seinem ehemaligen WG-Mitbewohner Aaron Boks zu tun. Er stammt auch aus Wernigerode, ist Autor - und traf für eine Recherche den Simson-Erben Dennis Baum in New York. Als er zurückkam, ließ die Geschichte den beiden keine Ruhe und sie entwickelten «Freiheit: Simson».

Mit ihrem Team suchten sie nach Zeitzeugen, die in dem Werk gearbeitet haben. Sie sprachen aber auch mit Jugendlichen, die heute mit ihren «Simmen» übers Land knattern, daran schrauben und die Fahrzeuge auch als Kult-Objekt am Leben erhalten. «Mit 140 Menschen sind Gespräche geführt worden», berichtet Liebetruth. Die Theaterleute organisierten etwa Erzähl-Cafés und Erinnerungsspaziergänge auf dem früheren Werksgelände.

Die Gespräche und Zitate der Zeitzeugen bilden die Grundlage für das zweieinhalbstündige Stück. «Es hätte sich falsch angefühlt, uns Figuren und Geschichten auszudenken», so Liebetruth. Künstlerische Freiheit hätten sie sich aber erlaubt. «Eine Szene spielt an einem Imbissstand 1995 – da lassen wir Figuren aufeinandertreffen, die sich in Wirklichkeit nicht unbedingt getroffen hätten.» Die Stimmen der Interview-Partner sind aber auch noch an anderer Stelle im Stück zu hören: in einem Bürger-Sprechchor.

«Zum größten Teil haben die Zeitzeugen fast romantisch-positive Erinnerungen mit uns über ihre Zeit im Werk geteilt», erzählt Liebetruth. Zwar wurde von schwierigen Situationen mit veralteten Arbeitsmaschinen gesprochen. «Aber die Leute haben sich gut im Werk aufgehoben und sich als Teil einer Gemeinschaft gefühlt.»

Einzelne kritische Stimmen fanden sich dann doch: Etwa von damaligen Schülerinnen, die zwangsweise einmal die Woche in der Produktion helfen mussten. «Und es gab einen Punker, der dort Ausbildung gemacht hatte, der dort immer wieder aneckte – er hat natürlich keine guten Erinnerungen an die Zeit», so Liebetruth. Das Theaterstück wird in dem Gebäude aufgeführt, in dem sich einst die Ausbildungsstätte des Werks befand.

Der Theatermann sieht viele Gründe dafür, warum die Simson noch immer so viele Menschen bewegt. Einer davon sei ganz pragmatisch: Die noch in der DDR zugelassenen Mopeds dürfen dank Sonderregelung bis zu 60 Kilometer pro Stunde fahren – andere Mopeds dagegen höchstens 45 Kilometer pro Stunde.

Und dann ist da noch die Politik: AfD-Politiker wie Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt und Björn Höcke in Thüringen nutzten die Zweiräder im Wahlkampf. Aber auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) ist erklärter Fan von Schwalbe und Co. Er bemühte sich etwa um die Erweiterung der Geschwindigkeitssonderregelung auf Simson-Reimporte. Aber auch die Linke mischt mit: Der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow präsentierte sich auf Instagram etwa in einem T-Shirt mit der Aufschrift «Antifaschistische Simsonfahrer*Innen».

«Für die Politik ist sie interessant, weil sie ein Identifikationsobjekt für eine fast verloren gegangene Ostidentität ist», mutmaßt Liebetruth über die Fokussierung auf die Simson. Er sieht die Mopeds als Mittel, über eine Alltagskultur der DDR zu sprechen, die über die Diktatur hinausgeht. «Die Menschen hatten ihre persönlichen Geschichten, ihren Alltag – sie hätten nach der Wiedervereinigung gerne das Gefühl bekommen, dass das Berücksichtigung findet und ernst genommen wird.»

Die Erben der Familie Simson verfolgen einige Entwicklungen mit Sorge: Sie haben deutlich gemacht, dass sie keine Vereinnahmung vor allem seitens der AfD wünschen «Haltet den Namen Simson aus der Politik heraus», forderte der Sprecher der Familie Dennis Baum bei einer Protestkundgebung gegen den Bundesparteitag der AfD im Juli in Erfurt. Seine Familie sei bis heute jüdischen Glaubens. Das passe nie mit dem Programm der AfD zusammen, sagte der in den USA lebende Baum.

Er und andere Familienmitglieder werden am Freitag auch zur ausverkauften Premiere in Suhl erwartet, wie Liebetruth sagte. Für weitere Termine in Suhl gibt es noch Karten. Ein Wunsch der Macher ist es, das Stück im kommenden Jahr auf Tour durch andere Orte zu schicken.

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