08. September 2026 – dpa
Annett Louisan hat diese wunderbar sanfte Stimme, mit der sie gleichzeitig Lieder singt, die ehrlich, witzig und auf den Punkt sind. Das Album «Sehnsucht» dreht sich um ihre aktuelle Lebensphase.
Man kennt Annett Louisan als deutschsprachige Chanson-Sängerin, seit sie in ihrem Hit «Das Spiel» ein wenig verschmitzt zu sanften Klängen von einem Leben in Freiheit sang. Das war 2004. 1,5 Millionen verkaufte Alben, etliche Musikpreise und gefeierte Tourneen später lässt Louisan keinen Zweifel daran, dass ihre künstlerische Inspiration ungebrochen ist. Am 11. September erscheint ihr neues Album «Sehnsucht» auf ihrem eigenen Plattenlabel Atelier Louisan.
Jedes Album entspreche bei ihr einer Phase, sagt die Sängerin, «Sehnsucht» stehe für eine fröhlichere als jene davor, die sich auf «Babygirl» um Frauen in der Lebensmitte drehte. Acht Alben hat die Hamburgerin bereits veröffentlicht. «Sehnsucht» ist nun das neunte. «Es ist eine Phase des Ankommens, des sich wieder zu Hause Fühlens, des Loslassens. Auf jeden Fall hell», sagt sie anlässlich einer Begegnung im The George Hotel im Hamburger Stadtteil St. Georg, in dem sie auch mit ihrer Familie lebt.
«Das Vorgängeralbum war auch ein Abschied von Dingen, die man kannte, von Selbstbildern. Man kämpft ja in Wachstumsphasen, da gab es mehr Drama. Das habe ich hinter mir gelassen. Jetzt gibt es eine positive Klarheit», sagt Annett Louisan aufgeräumt. Sie trägt einen schwarzen Hoseneinteiler, elegante Pumps und einen lässigen Kunstpelz über dem Arm. So viel Extravaganz muss sein. Auch mit 49 Jahren hat sie sich eine jugendliche, absolut natürliche Ausstrahlung bewahrt.
Die Texte sind auch auf dem neuen Album häufig humorvoll, erfrischend ironisch, entlarvend. Selbst ernste Dinge besingt sie mit Witz und einem Augenzwinkern. In dem Song «Keine Altersvorsorge» etwa nimmt sie Frauen die - etwas angestaubte - Illusion vom Märchenprinzen als Rentenversicherung und bedient sich beim Finanz-Vokabular mit der Zeile «Ein schöner Po ersetzt kein Depot».
Sie selbst hat sich ihre Unabhängigkeit mit harter Arbeit erkämpft. «Ich habe mir mein Selbstbewusstsein auch erarbeitet durch Disziplin, durch Lebenserfahrung. Ich kann heute besser nein sagen und auf mich aufpassen. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch und die werden leider oft ausgenutzt. Das Wichtigste ist, dass man sich selbst mag.»
Dieses sehr persönliche Thema streift Louisan auch in «An Deiner Seite». Es sei wichtig, dass das Umfeld sich auch mit einem freuen könne, wenn man Erfolg habe. Das sei vor allem unter Frauen nicht selbstverständlich. «Wir Frauen lernen gerade, wie wir uns gegenseitig unterstützen.» Als das «böse Lied» auf dem Album bezeichnet sie «Weltuntergang». Darin fragt sie sich, welches Outfit wohl am besten zur Apokalypse passen würde. «In den sozialen Netzwerken stehen Beauty-Tipps neben Flutkatastrophen und Stürmen. Das führt zu einem Unwohlsein und einer wirklichen Weltuntergangsstimmung», findet sie.
In «Generationen und Dämonen» wiederum erzählt sie von den Frauen in ihrer Familiengeschichte - etwa einer aufopferungsvollen Großmutter -, die in Ostdeutschland (Havelberg) begann. «In diesem Lied steckt eine so positive Botschaft, die zeigt, warum ich im Kern ein progressiver Mensch bin. Ich kann meine Meinung verändern, weil ich weiß, wie wichtig das ist. Ich habe gesehen, wie sich von einem Tag auf den nächsten wirklich eine ganze Gesellschaft verändern kann - zum Beispiel durch den Mauerfall. Meine Mutter hat in mittleren Jahre noch mal ganz neu angefangen und hat es geschafft. Es ist nie zu spät.»
Progressiv ist Annett Louisan, auch wenn ihre Musik auf den ersten Blick so heimelig-nostalgisch daherkommt. «Ich kann verstehen, dass Menschen sich in Zeiten von multiplen Krisen nach der Vergangenheit sehnen. Wenn ich Bilder aus den 1980er-Jahren sehe, bekomme ich gleich ein Heile-Welt-Gefühl. Nur wird das leider oft ausgenutzt von Diktaturen und Autoritären, die eine Vergangenheit zeichnen, die es nicht gibt und so nie gegeben hat. Es ist gefährlich, die Vergangenheit in der Erinnerung zu verklären. Dabei ist so viel Platz für Fortschritt.»
In «Fleischgewordenes Chanson» besingt sie auch die verschwundene Sehnsucht nach durchgefeierten Nächten. «Heute sehne ich mich nach anderen Dingen, nach Natur, nach Ruhe, einer anderen Lebensqualität, einem tiefen Gespräch.»
In dem Zusammenhang erklärt sie auch, warum sie seit drei Jahren keinen Alkohol mehr trinke. «Ich habe so viel geschafft, auch an Arbeit mit mir selbst. Man kann aber nur an sich arbeiten, wenn man klar ist. Ich hatte das Bedürfnis, das zu kommunizieren, weil ich als Künstlerin oft Alkohol und Zigaretten inszeniert habe, also das Bild von Rock'n'Roll, mit dem ich aufgewachsen bin. Damals gab es für Mädchen in der Disco Alkohol umsonst.»
Das Chanson ist bis heute Annett Louisans bevorzugte musikalische Form. In ihm könne sie am besten Geschichten erzählen. Mit ihrer Band ist Louisan ein eingespieltes Team und freut sich auf die anstehende Tournee, die sie ab dem 12. September durch Deutschland, die Schweiz und Österreich führen wird.
Mit Lampenfieber hat sie allerdings bis heute zu kämpfen. «Ich glaube, das liegt daran, dass ich als introvertierter Mensch einen extrovertierten Job mache. Vor richtig großen Fernsehauftritten habe ich schon einen Leidensdruck. Aber wenn ich meine Angst überwunden habe, bin ich immer dran gewachsen», sagt sie.
Ihr erster Hit «Das Spiel» wird immer einen besonderen Platz in ihrem Repertoire einnehmen. «Für mich war mein erstes Album ein feministisches Album, aber das war der Feminismus von Anfang 2000. Da galt es noch als emanzipiert, wenn eine Frau in typisch männliche Rollen schlüpft wie die, die ich besinge: eine unabhängige Frau, die keine feste Beziehung will. Ich liebe den Song und werde ihn auch mit 80 Jahren noch auf der Bühne singen», sagt sie und lacht.