16. September 2026 – dpa

Pilotprojekt

Einst Schokofabrik, bald Wohnraum – WG im Großraumbüro

600 Quadratmeter Bürofläche, drei junge Architektinnen, ein Experiment: In den sechsten Stock eines Bürokomplexes inmitten von Hamburg ziehen bald 15 Leute. Und verhindern so Leerstand.

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Leona (l-r), Juli und Emma lernten sich im Studium kennen.

Die Lobby des backsteinernen Bürokomplexes ist rund, ausgelegt mit grau-schwarz marmorierten Fliesen. Hinter einem Empfangstresen sitzt ein Pförtner und nickt zur Begrüßung. Links hilft eine riesige Tafel Besuchern dabei, das richtige Stockwerk zu finden: Consulting im siebten, Vertrieb im ersten, eine große Bank verteilt auf mehrere Etagen. Und «Vonwegenleer» im sechsten Stock. Das Namensschild wirkt, als wäre es nachträglich angebracht worden. Dahinter stehen drei junge Architektinnen, die mit einem Pilotprojekt leerstehende Büros vorübergehend wieder mit Leben füllen wollen.

«Von wegen die stehen leer und man kann die nicht zum Wohnen umnutzen», dachten sich die Architektinnen Emma (26), Juli (25) und Leona (25), als sie sich 2024 für ihr erstes gemeinsames Wohnprojekt mit Hamburgs Leerständen beschäftigten. Daraus entstand ihr Architekturkollektiv «vonwegenleer» - und eine neue Idee.

15 Leute werden im Herbst in der einstigen Schokoladenfabrik in der Sonninstraße in Hammerbrook zu Hause sein. Sie werden täglich durch die graue Marmorlobby gehen, den Pförtner grüßen und mit dem Fahrstuhl nach oben fahren - in ihre WG mit Blick über die Hansestadt.

Am Donnerstag statten Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) und Hamburgs Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) dem Sonninhof einen Besuch ab.

Noch gleicht die rund 600 Quadratmeter große Fläche einer Baustelle. Kabel hängen von der Decke, überall steht Werkzeug, an der Wand lehnen noch zu installierende Badgarnituren, in großen Tonnen sammelt sich Bauschutt.

Am 15. Oktober soll es aber so weit sein. Befristet auf ein Jahr beziehen drei Wohngemeinschaften die Bürofläche. «Es geht nicht darum, die Fläche umzunutzen, sondern sie zwischenzunutzen. Weil mit der Umnutzung von Büros ganz viele Probleme verbunden sind», erklärt Emma. Zwischen 350 und 450 Euro Miete zahlen die Bewohner.

Zum Vergleich: Laut einer Analyse des Moses-Mendelssohn-Instituts lagen die durchschnittlichen Wohnkosten für Hamburger Studierende im Sommersemester dieses Jahres bei 650 Euro - 30 Euro höher als noch im Wintersemester.

Durch die begrenzte Laufzeit sei das Wohnprojekt vor allem für jüngere Menschen interessant. «Es ist auch ein sehr guter Einstieg, wenn man in eine neue Stadt zieht», sagt Leona. In einem speziellen Auswahlverfahren fanden die Fünfzehn zueinander. Manche von ihnen studieren, andere arbeiten in Vollzeit oder machen ein Gap-Year. Sogar ein Pärchen ist darunter.

Vorübergehender Büroleerstand sei bislang ein wenig untersuchtes Phänomen, sagt ein Sprecher der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen. «Es zeigt sich aber, dass es bei der Revitalisierung großer Bürokomplexe zu längeren Leerstandsphasen kommen kann». Wie man diese nutzen kann, soll das Pilotprojekt zeigen.

Essenzieller Teil der Idee sind spezielle Holzwände, die die Architektinnen eigens entworfen haben. Sie erlauben eine flexible Raumgestaltung und können je nach Bedarf auf- und abgebaut werden. Jedermanns Sache ist ihre unbehandelte Oberfläche nicht.

«Die werden aber schon noch weiß, oder?», habe eine Bewerberin beim Rundgang mit Blick auf ihre künftigen Zimmerwände gefragt, erzählt Juli lachend. Wer hier einziehe, müsse schon etwas übrig haben für rustikale, auf den ersten Blick unfertig wirkende Lösungen.

Durch das flexible Design der Wände konnten die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner der Sonninstraße aktiv an der Aufteilung ihrer Wohnfläche mitarbeiten. Nach Absprache soll es auch möglich sein, sie zu streichen oder zu personalisieren. Das sei auch Teil des Projekts: Jeder Bewohner werde sein eigenes Reich über Zeit mit Leben füllen. Ist das Jahr vorüber, sind die Wände für eine neue Zwischennutzung bereit.

Hamburg fördert das Wohnprojekt im Sonninhof mit 200.000 Euro. Die Stadt hat das Kollektiv zudem bei der Suche nach einer geeigneten Fläche unterstützt. Denn: Ohne die Bereitschaft der Gebäudeeigentümer, entsprechende Projekte zu ermöglichen, geht es der Behörde zufolge nicht.

Nicht jede Bürofläche eigne sich dabei als Wohnraum. «Insbesondere in Gewerbegebieten oder an anderen besonders lärmbelasteten Standorten sind Wohnungen mitunter weder sinnvoll noch zulässig». Auch könne auf bestimmte baurechtliche Anforderungen etwa zum Brandschutz oder zur Barrierefreiheit nicht verzichtet werden.

Geeignete Gebäude zu finden, sei Fleißarbeit, erklären Emma, Juli und Leona. Nahversorgung und Infrastruktur rund um das Gebäude müssten sich zum Wohnen eignen. Auch Fenster zum Öffnen seien essenziell. Und die Gebäudetiefe. «Weil man natürlich auch genug Licht im Wohnraum braucht.»

Das Pilotprojekt soll der Stadt dabei helfen herauszufinden, welche rechtlichen, organisatorischen und baulichen Voraussetzungen es braucht, um das Modell auf weitere Standorte zu übertragen. «Die gewonnenen Erfahrungen sollen in einen Leitfaden einfließen und damit auch für zukünftige Projekte nutzbar werden», sagt der Behördensprecher.

Der knappe Wohnraum in Hamburg ist besonders für Studierende und Auszubildende ein Problem. Die Nachfrage ist dem Studierendenwerk Hamburg zufolge deutlich höher als das Angebot: Vor einem Jahr habe es für rund 1.000 Wohnheimplätze etwa 2.500 Wohnheim-Bewerbungen gegeben.

Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge gelten zwei Drittel der Studierenden, die einen eigenen Haushalt führen, durch ihre Wohnkosten als überlastet. Davon sei auszugehen, wenn sie von ihrem verfügbaren Haushaltseinkommen mehr als 40 Prozent für das Wohnen aufwenden müssen. Demnach geben Studierende durchschnittlich 54 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus.

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