14. August 2026 – dpa
Einmal im Jahr tauscht Michael Herrmann seine Richterrobe gegen eine Feuerwehruniform und bringt jungen Häftlingen das Löschen von Bränden bei. Was er in den sechs Tage im Jugendknast erlebt.
Für Michael Herrmann ist die Lehrgangswoche auf dem Gelände der Jugendstrafanstalt Hameln das Highlight des Jahres. An sechs Tagen bringt der Richter vom Landgericht Lüneburg den Insassen bei, wie man Vegetationsbrände bekämpft. «Ich sehe, wie viel Potenzial in Biografien steckt, die von der Gesellschaft schon aufgegeben wurden», sagt der 54-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Beim Lehrgang des Pilotprojekts im Mai waren sieben Häftlinge aus sechs Nationen dabei, verständigen konnten sich alle auf Deutsch. Los geht es am Morgen immer mit Teamübungen wie Baumstämme wegschleppen, erzählt Herrmann. Danach werde schwer bepackt mit Rucksack, Feuer an Strohballen gelegt und dieses dann mit Feuerpatschen wieder bekämpft.
Ohne Wasser – es ist reine Handarbeit wie im Ernstfall in schwer zugänglichem Gebiet. Die Hitze macht allen in der schweren Feuerwehruniform zu schaffen, hinterher sind die jungen Inhaftierten abgekämpft, die Gesichter schwarz verrußt.
«Es ist schön, das Strahlen in den Augen zu sehen, es gemeinsam geschafft zu haben, das Feuer auszumachen», betont der Vorsitzende einer großen Jugendkammer der Hansestadt. «Sie sollen an Grenzen herangeführt werden, sich ein Stück weit selbst spüren.»
Dieses Gefühl, etwas zu schaffen und etwas wert zu sein, fehle vielen jungen Männern, die auf die schiefe Bahn gelangen. «Wenn man hinter die Fassade der harten Kerle guckt, findet man meistens ein furchtbar verletztes Ego», sagt Herrmann, der mit der Erkenntnis keine Straftat entschuldigen, aber zumindest erklären will. Er komme mit den Jungs auch viel mehr ins Gespräch, als es in einem Strafprozess je möglich gewesen war.
«Es geht darum, den jungen Inhaftierten ihre Fähigkeiten vor Augen zu führen», erklärt der Richter. Wer Feuer löschen und sich in hochkritischen Situationen behaupten könne, schaffe das auch im richtigen Leben. Die Insassen sollen sich unterstützen, Ausdauer und Durchhaltevermögen trainieren oder lernen, mit Stresssituationen umzugehen.
Vor der Lehrgangswoche mit Herrmann absolvieren die Insassen im Alter von durchschnittlich 20 Jahren eine Grundausbildung. Feuerwehr-Angehörige und internationale Fachleute schulen sie in Hameln seit 2012, das Ziel ist die Hilfe bei der Resozialisierung. Nach Abschluss der Ausbildung werden Termine angeboten, um Feuerwissen aufzufrischen oder Neues zu erlernen.
Initiator der gemeinsamen Übungen ist Heinz Brand, der Brandschutzbeauftragte der Hamelner Strafanstalt. Entstanden sei die Idee 2011, als Häftlinge Sandsäcke bei einem Hochwasser-Einsatz füllen sollten. «Wir waren überrascht von dem Engagement der Insassen, das kannten wir so nicht», erzählt der 58-Jährige, der sich schon seit langem bei der Feuerwehr in Aerzen engagiert und während der Lehrgangswochen von Ehrenamtlichen aus seiner Gemeinde unterstützt wird.
In den ersten Jahren gab es nur die Grundausbildung für die Häftlinge, im vergangenen Jahr kam Herrmann mit der realen Vegetationsbrandbekämpfung als Praxiseinheit dazu. «Ich war zunächst zurückhaltend, aber inzwischen ist das auch mein Highlight», sagt Brand. «Hier lernen die Insassen, was man im Team alles erreichen kann.» Es seien alles Einzelkämpfer: «Sie merken, ich bin zu etwas nütze».
Durchhaltevermögen, Konzentration und handwerkliche Fähigkeiten würden die jungen Männer bei der Brandbekämpfung lernen. «Die meisten sind anfangs schüchtern, es gibt dumme Sprüche, wenn sie in Jacke, Hose und Helm losziehen», erzählt Brand. Im Nachgang höre er nur Positives, die Anstaltsleitung lobe die Maßnahme zudem als die beste, die es je gegeben habe.
Den Häftlingen sollen unter anderem Disziplin, Verantwortungsgefühl und Teamfähigkeit vermittelt werden. «Die Jungs sind nach zwei Wochen verlässlicher, arbeitswilliger und Absprache-fähiger», sagt Brand. Von den jährlich sieben bis zehn Teilnehmern bleibe etwa einer auch nach seiner Zeit in Haft bei der ehrenamtlichen Feuerwehr. Einzelne Rückmeldungen gibt es nach der Entlassung eigentlich nicht. Die meisten wollen die Einrichtung schnell hinter sich lassen.
Interesse an dem Projekt und Anfragen aus anderen Bundesländern gab es schon häufiger, Kollegen aus Baden-Württemberg waren während des Lehrgangs sogar vor Ort. «In der Regel sind alle begeistert, aber bisher mangelt es an der Umsetzung, auch weil die eine oder andere Anschaffung etwas kostet», sagt Brand. «Meines Wissens gibt es so ein Projekt nur bei uns, ich habe von keinem gehört, der das ins Laufen gebracht hat.»