18. September 2026 – dpa

Kunstvolle Elbtunnel-Fliesen

Ratten, Fische, Robben - Vom Fliesenkünstler des Elbtunnels

25 Jahre lang hat sich Hans Kuretzky mit dem Alten Elbtunnel und seinen Fliesen und Reliefs beschäftigt. Noch heute ist er gern hier. Und hat viel zu erzählen. Das reicht sogar für ein Buch.

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Eines seiner Lieblingsreliefs ist die Kunstfliese mit den Ratten, sagt Hans Kuretzky.

Wenn Hans Kuretzky durch den alten Hamburger Elbtunnel im Stadtteil St. Pauli läuft, macht sich ein vertrautes Gefühl in ihm breit. Der Keramiker kennt quasi jede einzelne Kunstfliese in dem 426,5 Meter langen Bauwerk persönlich. Kuretzky und seine Frau Heidrun haben nämlich etwa 25 Jahre lang die kunstvollen Relief-Fliesen 20 Meter unter der Elbe in präziser Handarbeit restauriert. Sie haben damit rund 100 Jahre alte Hamburger Kunstgeschichte bewahrt und zum Teil sogar um ihre eigene Handschrift ergänzt - im doppelten Sinne.

So hat das Ehepaar aus Schleswig-Holstein einige der prägenden Fliesen selbst entworfen. «Wir haben eine besondere Lichtleiste entwickelt. Das waren vorher graue Plastikplatten», sagt der studierte Keramiker, während er auf die Fliesen oberhalb seines Kopfes zeigt. Jetzt verstecken sich die Kabel für die Tunnelbeleuchtung hinter kunstvollen, grün-blauen Fliesen, die Wellen andeuten und Nieten und Schiffskiele zeigen. Die Lichtleisten verlaufen in beiden Röhren jeweils links und rechts komplett an den Wänden entlang.

Ihre Handschrift haben die beiden aber auch im wörtlichen Sinne im alten Elbtunnel hinterlassen. Nämlich auf den Rückseiten von Fliesen. Auf einige haben sie Gedichte von Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe oder Heinrich Heine, auf andere die Rezeptur für die besonderen Glasuren geschrieben und eingebrannt. Quasi für die Keramiker, die in den kommenden Jahren den Tunnel erneut restaurieren werden.

Dass das Kunsthandwerker-Ehepaar diesen wichtigen und jahrzehntelangen Job bekommen hat, hat es einem schlichten Anruf beim Dienststellenleiter für den Elbtunnel zu verdanken. Den rief Hans Kuretzky nämlich auf Anraten seiner Frau an, nachdem sie 2001 in der Zeitung von der anstehenden Sanierung und Restaurierung des Tunnels gelesen hatte, wie er mit einem Lachen erzählt. Und siehe da, ein Fachmann für die Überarbeitung der Fliesen war noch nicht verpflichtet. Wenig später hatten Heidrun und Hans Kuretzky den besonderen Auftrag für ihre seltene Handwerkskunst gewonnen.

Als die Kuretzkys den mittlerweile denkmalgeschützten Tunnel vor 25 Jahren das erste Mal betraten, waren sie sofort beeindruckt. Er habe nach wie vor höchsten Respekt vor der handwerklichen Meisterleistung in diesem einzigartigen Bauwerk. Der erste Rundgang zeigte aber hier, wie viel Arbeit nun vor dem Paar liegt. «Unser erster Eindruck war auch, dass der Tunnel ziemlich marode und kaputt ist.»

Es folgten viele intensive Jahre, erst in der Oströhre, dann in der Weströhre. Seit Mai 2026 sind wieder beide Röhren gleichzeitig offen. 130 Millionen Euro kostete die Sanierung, bei der besonderes Augenmerk auf die Fliesen und Reliefs gelegt wurde, wie die Hafenbehörde HPA zur Wiedereröffnung mitteilte.

Fast 760.000 Fliesen kleben in den beiden Röhren des Alten Elbtunnels. Die meisten Fliesen sind helle Gewölbe- und Wandfliesen, ergänzt um die etwa 4.000 grün-blauen Fliesen der Lichtleiste. Der Jugendstil des beginnenden 20. Jahrhunderts ist vielerorts - vor allem in den Eingangsbereichen - zu erkennen.

Gleichzeitig heben sich mehr als 80 Relief-Fliesen noch einmal besonders ab. Sie sind größer, grau-blau, kunstvoll gestaltet und zeigen vor allem maritime Tiere, die zur Zeit des Tunnelbaus im Hamburger Hafen herumgeschwommen sein sollen. Robben, Ratten, Schollen, Karpfen, Kabeljau, Seeteufel, Störe, Hechte, Delfine, Hummer, Schnecken, Aale, Taschenkrebse sowie Seesterne - sie alle sind jeweils an den Wänden der beiden Röhren zu finden. Wer genau hinschaut, findet im Bereich der Ein- und Ausgänge außerdem Affen, Seepferdchen, Fantasievögel und einen Kraken.

Und genau diese Relief-Fliesen sowie acht große Siegelfliesen in den Tunnel-Ein- und Ausgängen - Medaillons, die auch die Entstehungsgeschichte des Tunnels erzählen - sind in der Werkstatt von Hans Kuretzky in Borstorf in Schleswig-Holstein in mühevoller Kleinarbeit restauriert oder neu hergestellt worden. «Die halten nun wieder - mindestens für die nächsten hundert Jahre», sagt Kuretzky, der auch Kunstführungen durch den 1911 erstmals eröffneten Elbtunnel anbietet.

Der Elbtunnel war Deutschlands erster Unterwassertunnel. Er sollte den Hafenarbeitern den Weg zur Arbeit auf der anderen Elbseite auch bei Eis und Seegang möglich machen.

Millionen Menschen, Pferde, Autos und Räder haben seitdem den Tunnel passiert. Seit 2019 ist er für Autos gesperrt. 2025, als teils noch Baustelle war, liefen bereits etwa 1,7 Millionen Fußgänger und radelten ungefähr 760.000 Radfahrer durch den rund um die Uhr be- und überwachten Tunnel. Tagsüber wird er sogar von Tunnelwärtern bewacht, die an beiden Seiten der Röhren und der Ein- und Ausgänge stehen und die Aufzüge bedienen.

Beim Restaurieren der Reliefs war vor allem Genauigkeit und detektivischer Spürsinn gefragt - vor allem, wenn von den Motiven nicht mehr viel übrig war. Dann ist das Paar tief in die Archive eingestiegen und hat nach alten Fotos gesucht. «Wir haben alles originalgetreu restauriert oder nachgebildet.» Dazu haben Kuretzky und seine Frau erst alles fotografiert, dann Gipsabdrücke genommen und schließlich die Fliesen in ihrer Werkstatt von Hand modelliert, glasiert und gebrannt. «Wir mussten sie um 10 bis 15 Prozent vergrößern, weil sie beim Brennen schrumpfen.»

Auch bei der Glasur war viel Fachkenntnis gefragt: «Es war eine Herausforderung, den richtigen Farbton zu finden. Die Herstellung dauerte am Anfang bis zu einer Woche. Das ging nur durch Ausprobieren.» Man sehe erst nach dem Brand die Farbe der Glasur. «Deshalb haben wir viele Versuche machen müssen.»

Wenn er im Tunnel stehe, fühle er vor allem Stolz, gibt er zu. «Die Arbeit hier war eine meiner größten Herausforderungen meines Berufslebens - und zugleich eine der schönsten», schreibt der 75-Jährige in seinem Buch «Glanz unter der Elbe - Hamburgs alter Elbtunnel», das in dieser Woche erschienen ist.

Dass es für den - tatsächlich sehr sauberen - Elbtunnel ein gutes Putzkonzept ganz ohne Hochdruckreiniger gibt, sei auch seine Errungenschaft, sagt Kuretzky, während er mit dem Zeigefinger über den oberen Rand von einer der Tierfliesen streicht. «Sauber», sagt er und lächelt.

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